Chuck Close – Head Hunter

Starkünstler Chuck Close
„myDorotheum“: Ein Gespräch mit einem der berühmtesten und innovativsten zeitgenössischen Porträtmaler über seine Leidenschaft für die niederländischen Meister, die Magie der Malerei und die Parallelen von Computer-Pixeln und Mosaiken.

Dorotheum myART MAGAZINE: Chuck Close, der Kunstsammler: Könnte man sagen, Sie sammeln Gesichter?
Chuck Close: Ja, das könnte man. Ich kaufe Gesichter aus allen Epochen, jüngst vermehrt solche von Alten Meistern.

Sie waren schon etliche Male in Rom…

Ich habe in den Jahren 1964 und 1965 in Wien gelebt…!


… zur Geburtsstunde des – damals mit Misstrauen beäugten – Wiener Aktionismus. Wie haben Sie ihn als Student erlebt?
Ich studierte an der Akademie der Bildenden Künste und da bekam man natürlich Leute wie Arnulf Rainer zu Gesicht, aber der Aktionismus hatte noch nicht den Stellenwert, den er heute hat. Ich besuchte oft die Albertina oder ging ins Belvedere, wo diese unglaublichen Gesichter von Franz Xaver Messerschmidt zu sehen waren.

Chuck Close und Vortragende Maria Cristina Paoluzzi vor den "Sassi" in Matera, Italien, Reise der Trustees of the American Academy I Chuck Close, Foto von Bryan Bedder/AFP/picturedesk.com
Chuck Close und Vortragende Maria Cristina Paoluzzi vor den „Sassi“ in Matera, Italien, Reise der Trustees of the American Academy I Chuck Close, Foto von Bryan Bedder/AFP/picturedesk.com


Zurück zu Rom, der Wiege des Barock: Haben Sie sich bei Ihrer Arbeit von Künstlern des Barock inspirieren lassen? Welche Bedeutung hat barocke Kunst für Sie? Schließlich gelten Sie als leidenschaftlicher Sammler von Kunst aus dem 17. Jahrhundert.
Für mich ist Rom eine sehr skulpturale Stadt. Ich habe italienische Kunst studiert und besitze italienische Gemälde, aber auch flämische.


Verraten Sie uns, warum Ihnen ausgerechnet das „Bildnis eines Herrn“ von van Dyck, das Sie im Dorotheum erworben haben, von allen Stücken in Ihrer Sammlung das liebste ist?
Ein großartiges Gemälde! Es hat all das, was mich an Kunst so fasziniert. Für mich ist es das perfekte Bild.

Sir Anthony Van Dyck, Bildnis eines Herren. Versteigert im Dorotheum am 17. April 2013
Sir Anthony Van Dyck, Bildnis eines Herren. Versteigert im Dorotheum am 17. April 2013


Was verstehen Sie unter „perfekt“?
Wenn man vom Bild in den Bann gezogen wird, das Motiv einen nicht mehr loslässt, es meisterhaft gemalt ist.


Die Anziehungskraft geht also vor allem vom Blick und der Ausstrahlung des Porträtierten aus – kurz: von all dem, was auch Sie meisterhaft beherrschen. Was muss ein Gemälde haben, um Ihnen zu gefallen? Welche Künstler schätzen Sie am meisten?Vermeer war schon immer mein Lieblingsmaler, noch bevor ich zum ersten Mal einen Van Gogh gesehen habe, und er ist es heute noch. Neulich hab ich einen De Hooch gekauft. De Kooning ist mein Lieblingskünstler des 20. Jahrhunderts. In meiner Studienzeit sah ich eine sehr beeindruckende Van-Gogh-Retrospektive, aber ich finde alle Niederländer gut, egal, aus welcher Epoche.


Wählen Sie die Objekte für Ihre Sammlung und die Motive für Ihre eigenen Arbeiten nach ähnlichen Kriterien aus?
Beide sind Teil meiner Vision. Es sind dieselben Augen, die die Alten Meister und meine Modelle betrachten, und diese Augen sehen immer Parallelen zwischen den beiden.


Sie haben einmal gemeint, die Alten Meister hätten „am meisten Kraft“. Was fasziniert Sie so an ihnen? Worin genau liegt ihre Kraft?
Das habe ich, glaube ich, so nicht gesagt. Tatsächlich aber ist zeitgenössische Kunst die am stärksten überbewertete, jene der Alten Meister die am stärksten unterbewertete. Mir gibt das die Möglichkeit, Alte Meister zu kaufen. Ist das nicht wunderbar: Ich kann jene kaufen, die ich einst studiert habe! So schließt sich der Kreis in meinem Leben.


Damit wäre zum Teil unsere nächste Frage beantwortet, nämlich welchen Einfluss Ihre Sammlung Alter Meister auf Ihr eigenes künstlerisches Schaffen hat.
Meine Sammlung spannt einen Bogen über etwa 60.000 Jahre Kunstgeschichte: darin finden sich Kunst aus dem Alten Ägypten, eine Büste des Hadrian und vieles mehr … ich interessiere mich für alle Kunstepochen.


Finden Sie es aus heutiger Sicht nicht unglaublich, dass Sie Computer-Pixel malten, bevor noch jemand wusste, was das überhaupt ist?
Aber nein. Obwohl es stimmt, dass die ersten Computerbilder „The Chuck Close project“ benannt wurden. Die kannten meine Arbeiten.


Ihr Vater war Erfinder. In gewisser Hinsicht sind auch Sie Erfinder, finden Sie nicht?
Stimmt, und meine Mutter war Pianistin. Wir waren sehr arm, aber ich hatte immer Zugang zu Kunst.


Sie haben ihren künstlerischen Schaffensprozess einmal mit dem eines Musikers verglichen, der eine Symphonie komponiert.
Zu meinen besten Freunden zählen Philipp Glass und Paul Simon. Wir unterhalten uns immer wieder über den Schaffensprozess, und auch ihre Arbeiten sind komplementär und mehrschichtig, wie meine. Ich sehe da viele Parallelen.


Pollock, Warhol, Rauschenberg … sie alle haben ihre Arbeit sehr stark beeinflusst. Wer oder was, würden Sie sagen, hat Ihre Laufbahn am stärksten geprägt?
Das war ganz zweifellos die Van-Gogh-Retrospektive während meiner Studienzeit. Ich habe einmal in der Londoner National Portrait Gallery ausgestellt und da hing eine Arbeit von mir direkt neben meinem Lieblingsbild von Van Gogh, das auch auf dem Katalog-Cover war. Das fand ich ziemlich aufregend.


Das muss dann wohl ein Selbstporträt gewesen sein…
Ganz genau, eines mit dramatischer Pinselführung, die schließlich völlig zerfällt. Ich denke, bei mir finden sich viele Parallelen zu den Mosaiken der Antike. Als ich in Rom war, habe ich mir die antiken Katakomben und Grabungsstätten angesehen. Wenn man vor den Mosaiken steht, kann man den Entstehungsprozess exakt nachverfolgen: Man sieht ganz genau, welche Entscheidungen der Mosaikkünstler getroffen hat. Für mich war das wie ein Déjà-vu. Es ist, als würde man dem Künstler über die Schulter blicken, während er den Mosaikboden setzt. Ich würde mir wünschen, dass die Menschen meine Bilder auf dieselbe Weise betrachten und sich fragen, wie ich es angestellt habe.


Sie haben in diesem Sinne auch einmal gemeint, wenn Sie kein Maler wären, dann wären Sie Magier, und zwar einer, dessen Tricks alle durchschauen, aber nicht minder fasziniert sind. Und die Performance selbst würde immer wieder faszinieren, auch wenn man die Sache durchschaut.
Magie ist nicht wirklich, und doch erzeugt sie eine Illusion. Die Malerei ist das magischste Medium überhaupt, weil sie Raum schafft, wo keiner ist, und die Grenzen der physischen Wirklichkeit überwindet. Man blickt auf eine Leinwand und sieht – ein Bild! Wenn das keine Magie ist, was dann.


Und genau das macht die Malerei unsterblich, denken Sie nicht?
So ist es, sie muss viel einstecken, ist aber nicht unterzukriegen. Die größte Zauberkunst ist die Malerei.


Woran arbeiten Sie zurzeit?
Sie werden es nicht glauben: an Bildern, die Mosaiken sehr ähnlich sind.


Und wann werden wir Gelegenheit haben, sie zu bestaunen?
In ein paar Jahren.


Man stößt überall auf Konzeptkünstler; Sie hingegen waren immer schon ein richtiger „Arbeiter“.
Jede große künstlerische Idee entsteht durch Arbeit. Ich sage immer: „An Inspiration glauben nur Amateure; alle anderen krempeln die Ärmel hoch und machen sich ans Werk.“

Chuck Close Biographie, Foto Stefan Ruiz
Chuck Close Biographie, Foto Stefan Ruiz

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Die Kunsthistorikerin Maria Cristina Paoluzzi leitet das Dorotheum in Rom und ist Expertin für Alte Meister. Sie hat Chuck Close etliche Male bei seinen Italienreisen getroffen und berät ihn bei Alten Meistern.

Doris Krumpl war als Kunstjournalistin tätig und ist Pressesprecherin des Dorotheum.

 

(Dorotheum myART MAGAZINE Nr. 03/2014)

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