Contemporary Week: Giuilio Paolini

KUNST UND BÜHNE

Das Spiel mit Raum und Struktur, Kunstwerk und Betrachter ist typisch für Giulio Paolini. „In ascolto“ steht in Verbindung mit seinen Bühnenbildern für Richard Wagner-Opern. Vorhang auf!

Giulio Paolini
Giulio Paolini. Foto © Luciano Romano, Napoli. Courtesy Fondazione Giulio e Anna Paolini, Torino.
Giulio Paolini. Foto © Luciano Romano, Napoli. Courtesy Fondazione Giulio e Anna Paolini, Torino.

Giulio Paolini gehört zu den prominentesten Namen im Umfeld der norditalienischen Arte-Povera-Bewegung sowie der Konzeptkunst. Er wurde 1940 in Genua geboren, besuchte eine Schule für Grafikdesign und interessierte sich schon früh für bildende Kunst. Mit 20 Jahren schuf er sein erstes ikonisches Werk „Disegno geometrico“, das als konzeptionelle Grundlage für sein weiteres Schaffen gelten kann: eine Tuschezeichnung auf weißer Leinwand. Zwei mit roter Tusche gezogene Diagonalen bestimmen das Zentrum des Bildes, in schwarzer Tusche sind weitere, mit einem Zirkel ausgemessene Meridiane verzeichnet. Giulio Paolini bezeichnet das Bild
20 Jahre später als seine Initiation als Künstler. In einem Interview mit der Zeitschrift „Marcatrè“ im April 1966 beschreibt er es als „Bedingungen des räumlichen Rahmens, in denen ein Kunstwerk geboren werden könnte“.

Kunst als Konzept

Hier wird schon der konzeptuelle Zugang des Künstlers offensichtlich, hier eröffnet sich die Frage nach den Bedingungen der Erschaffung und des Ausstellens von Kunstwerken, die Paolini seine gesamte künstlerische Laufbahn beschäftigen werden. In Abgrenzung zum Informel setzt sich Paolini mit den materiellen und formalen Grund­lagen von Kunst auseinander, schon früh sind Leinwand und Rahmen beliebte Motive. Im Gegensatz zu Vertretern der Arte Povera, mit denen er an zahlreichen Ausstellungen teilnimmt, sieht sich Paolini stets als in der künstlerischen Tradition befindlich, er spielt in seinen Werken mit Referenzen und Bezügen zu anderen Künstlern und Literaten. Ein weiteres Thema seiner Arbeiten ist die Hinterfragung von Kreation, Reproduktion und Repräsentation. Paolini arbeitet mit unterschiedlichen Materialien und Techniken, Leinwand, Skulptur, Zeichnung, Fotografie, Collage, und beschäftigt sich intensiv mit der Anordnung von Objekten im Raum, die oft einer bestimmten Typologie folgen: Er erschafft Serien oder Gegenüberstellungen, verdeutlicht zentrifugale oder zentripetale Bewegungen.

Foto © Amedeo Benestante Giulio Paolini, In ascolto (stanza dello spettatore), 2005, goldfarbene Rahmen, Collage, Bleistift auf Wand, 355 x 520 cm (gesamt), je Rahmen 40 x 60 cm, € 300.000 – 400.000
Foto © Amedeo Benestante Giulio Paolini, In ascolto (stanza dello spettatore), 2005, goldfarbene Rahmen, Collage, Bleistift auf Wand, 355 x 520 cm (gesamt), je Rahmen 40 x 60 cm, € 300.000 – 400.000
Inszenierungen

Ab 1969 entwirft er auch Bühnenbilder und Kostüme für Theateraufführungen, darunter mit Carlo Quartucci konzipierte Projekte in den 1980er-Jahren, sowie in den 2000er-Jahren die Bühnenbilder für zwei Werke von Richard Wagner unter der Regie von Federico Tiezzi.

Das Werk „In ascolto (stanza dello spettatore)“, das im November im Dorotheum zur Auktion gelangt, steht in Zusammenhang damit. Wie Maddalena Disch, die Kuratorin des Archivo Paolini und Autorin des Werkverzeichnisses, beschreibt, wurde es für eine Einzelausstellung in der Galleria Artiaco geschaffen, die parallel zur Aufführung von Wagners Oper „Die Walküre“ im Teatro di San Carlo in Neapel stattfand. Sowohl die perspektivischen Linien im Hintergrund als auch die 24 goldenen Rahmen können als direkte Referenz auf das Bühnenbild gesehen werden. Laut Maddalena Disch bezieht sich das Werk insbesondere auf den dritten Akt, in dem eine gigantische Metallstruktur in der Mitte der Bühne mit vergoldeten und mit Gipsabgüssen gefüllten Rahmen verbunden ist. Die lebensgroße Figur, die die Szene zu betrachten scheint, verweist auf Lucio Amelio, den ehemaligen Galeristen Paolinis in Neapel und früheren Besitzer des Ausstellungsraums, für den „In ascolto“ geschaffen wurde.

Bei den Bildelementen zwischen den zu einem Raster von vier mal sechs Einheiten angeordneten Rahmen handelt es sich um fotografische Reproduktionen früherer Arbeiten bzw. um beliebte Bildmotive des Künstlers. Die losen Fragmente fungieren als Echos anderer Werke. Der perspektivischen Zeichnung an der Wand ist die Struktur der Rahmen gegenübergestellt, in deren Epizentrum ein weißes Passepartout platziert ist, fokussiert von vier virtuellen Lampen in den Bildecken. Ein Spiel mit Raum und Struktur, Repräsentation und Konnotation, Kunstwerk und Betrachter, wie es typisch für Giulio Paolini ist, „ein Bild aller vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Gemälde“, wie Maddalena Disch mit Bezug auf „Disegno geometrico“ formuliert.

AUKTION

Zeigenössische Kunst, 25. November 2020
Palais Dorotheum, Dorotheergasse 17, 1010 Wien

20c.paintings@dorotheum.at
Tel. +43-1-515 60-358, 386

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