Eine interessante Auswahl an Stillleben

Stillleben

Stillleben traten um 1600 in ganz Europa, vor allem aber in den Nördlichen und Südlichen Niederlanden in Erscheinung. Gegenstände rückten zum ersten Mal in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts in den Küchen- und Marktszenen von Pieter Aertsen (1540–1603) und Joachim Beukelaer (1533–1575) in den Vordergrund. Ihr Schaffen findet Widerhall in der Darstellung eines Fischstandes (Kat. Nr. 43) von Hans van Essen (1588–1648), einem seltenen Künstler, für dessen nur wenige Gemälde umfassendes bekanntes Oeuvre diese Neuentdeckung eine wichtige Ergänzung bedeutet. Van Essen war in Antwerpen ausgebildet worden und ließ sich 1607 in Amsterdam nieder. Es steht zu vermuten, dass dieses bedeutsame Werk dort um 1620 entstanden ist.

Hans van Essen (Antwerpen 1587/89 – nach 1648 Amsterdam) Fischmarkt, signiert unten links: HVEssen, Öl auf Leinwand, 111 x 189,5 cm, gerahmt
Hans van Essen, (Antwerpen 1587/89 – nach 1648 Amsterdam) Fischmarkt, signiert unten links: HVEssen, Öl auf Leinwand, 111 x 189,5 cm, gerahmt
Harmen Steenwijk (Delft 1612 - nach 1664 vermutlich in Delft) Jagdstillleben mit totem Geflügel und Figurenstaffage, monogrammiert: HS, Öl auf Leinwand, 89,5 x 109,2 cm, gerahmt
Harmen Steenwijk, (Delft 1612 – nach 1664 vermutlich in Delft), Jagdstillleben mit totem Geflügel und Figurenstaffage, monogrammiert: HS, Öl auf Leinwand, 89,5 x 109,2 cm, gerahmt

Ein weiteres Stillleben mit einer figürlichen Darstellung (Kat. Nr. 46) ist das eindrucksvolle Gemälde von Harmen Steenwijck (1602–1656), einem Künstler aus Delft, der bei David Bailly in Leiden in die Lehre gegangen war. Er spezialisierte sich auf meist kleinformatige Stillleben mit von Früchten, Gemüse, Geflügel, Fleisch und Gerätschaften beladenen Küchentischen. Dass – wie im vorliegenden Werk – auch eine größere Figur dargestellt ist, findet sich selten bei ihm. Steenwijck war ein Meister in der Wiedergabe von Oberflächentexturen. Ein weiteres Lieblingsthema Steenwijcks war das Vanitas-Stillleben: eine Anordnung von Gegenständen, welche auf die Vergänglichkeit der Zeit und die Kürze des menschlichen Lebens anspielen – etwa eine Sanduhr oder eine Kerze. Leiden, wo Steenwijck ausgebildet worden war, war eine Hochburg des Wissens und der Gelehrsamkeit und das Vanitas-Stillleben ein bevorzugter Bildgegenstand vieler Künstler. Franciscus Gijsbrechts (1649–1677 oder danach), der dort um 1674 tätig war, machte es zu einem seiner Hauptthemen. In seinem  Gemälde (Kat. Nr. 47) ist das zentrale Motiv des Totenschädels mit Weizenähren, einem Symbol des Lebens bekrönt: Aus dem ausgesäten Korn entspringt neues Leben.

Auch Martinus Nellius (tätig 1669–1719) (Kat. Nr. 48) arbeitete um 1674 kurz in Leiden und später in Den Haag. Er gehörte zwar nicht zu den führenden Künstlern, schuf aber eine Vielzahl gefälliger kleiner Früchtestillleben im Hochformat, die ein Arrangement auf einem Steintisch zeigen, oft ergänzt durch eine Wanli-Porzellanschale, eine Auster, Raucherutensilien sowie eine aus einem Almanachblatt zusammengerollte Tüte mit Pfeffer oder Tabak. Eine wichtige Inspirationsquelle für ihn muss Willem Kalf (1619–1693) gewesen sein. Im Hintergrund seiner Kompositionen erscheint – wie auch im hier angebotenen Beispiel – häufig ein großer mit Weißwein gefüllter deutscher Römer.

Leiden war auch die Stadt, in der die Laufbahn von Jan Davidz. de Heem (1607–1683/4) ihren Anfang nahm. Der in Utrecht geborene Künstler suchte die Nähe des stimulierenden Leidener Künstlerkreises, dem Bailly, Lievens und Rembrandt angehörten. Während seiner ersten dortigen fünf Schaffensjahre versuchte er sich in allerlei Spielarten des Stilllebens; er sah sich nach Anregungen um und interpretierte diese in einer ganz persönlichen Handschrift. Um 1629 müssen ihm auch die ersten monochromen Bankettstillleben aus Haarlem untergekommen sein. In den darauffolgenden Jahren malte er eine Reihe auf nur einen Grundton beschränkter Stillleben in unterschiedlichen Formaten. In diesen Werken von zurückhaltender Eleganz zeigt sich bereits sein lebenslanges Interesse für Spiegelungen auf Glas- oder Metalloberflächen. Später, nach seinem Umzug nach Antwerpen, sollte die flämische Überschwänglichkeit hinsichtlich Form und Farbe Oberhand über diese holländische Zurückhaltung gewinnen. Das hervorragende Werk, das hier zum Verkauf steht (Kat. Nr. 44), stammt aus dem Jahr 1632, als er Leiden den Rücken kehrte und vermutlich nach Amsterdam ging. Vor ihm lag eine langjährige und erfolgreiche Karriere als Maler. Es handelt sich hier um eines der ersten Stillleben in der Geschichte, in dem die Schale einer Zitrone über eine Tischkante hängt. 1632 führte de Heem auch den kostbaren Nautiluspokal ein, der hier zum ersten Mal in seinem Schaffen die Bildkomposition dominiert.

Jan Davidsz. de Heem, (Utrecht 1606–1683/84 Antwerpen), Prunkstillleben mit einem Nautiluspokal, einem gestürzten Silberbecher und einem Silberteller mit aufgeschnittenem Granatapfel und geschälter Zitrone, oben rechts undeutliche Reste der Signatur und Datierung: . eem. f. A… 32, Öl auf Holz, 75,5 x 57 cm, gerahmt

Ein frühes Vorbild für de Heem muss Willem Claesz. Heda (1594–1680) gewesen sein, der gemeinsam mit Pieter Claesz. (1597–1660) in Haarlem führend bei der Herausbildung des sogenannten „monochromen Bankettstilllebens“ war. Während sich Claesz. vor allem in seinem späteren Schaffen zum Meister einer breiteren Pinselführung entwickelte, rückte Heda nicht von einer feingliedrigen und detaillierten Wiedergabe seiner Bildinhalte ab. Stärker als Claesz. blieb er auch Zeit seines Lebens einer relativ monochromen Farbigkeit treu. Sein Stillleben mit Schinken aus dem Jahr 1647 (Kat. Nr. 45) ist ein gutes Beispiel für sein Schaffen aus der zweiten Hälfte der 1640er-Jahre.

Fred Meijer ist Senior Curator of Old Dutch and Flemish Paintings im RKD – Rijksbureau voor Kunsthistorische Documentatie, Den Haag. Am 16. April 2015 gab er einen guten Einblick in „Dutch and Flemish still life paintings of the 17th century“. Seine Theorien erklärte er unter anderem auch anhand von ausgewählten Werken der Alte Meister Auktion am 21. April 2015.

 


Fred Meijer Vortrag am 16. April 2015 im Dorotheum:

 

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