Günther Uecker: Die Friedliche Eroberung der Seele

Uecker

Die Werke, die Günther Uecker seit mehr als 60 Jahren schafft, bewegen sich in ihrer Gestaltung zwischen kraftvollem Ausdruck, politischem Statement und zarter Geste. Mit seinem großen Œuvre zählt Günther Uecker zu den vielseitigsten Vertretern der deutschen Nachkriegskunst. Das Nagelobjekt „Johannes“ des Künstlers kommt am 27. November 2018 im Dorotheum zur Auktion.

Die Auktionswoche „Contemporary Week“ vom 27. bis zum 30. November 2018 im Palais Dorotheum bietet Klassische Moderne und Zeitgenössische Kunst, Juwelen sowie Armband- und Taschenuhren. Von Günther Uecker werden bei der Auktion „Zeitgenössische Kunst“ am 27. November 2018 drei hervorragende Arbeiten angeboten: darunter das erst 2012/13 entstandene 100 x 80 cm große „Feld“ (€ 400.000 – 600.000) sowie das partiell bemalte Quadrat „Poesie der Destruktion“(€ 160.000 – 240.000). In der sechsteiligen Arbeit „Johannes“ aus dem Jahr 1995, die seinen „Aschebildern“ zuzuordnen ist, nimmt der Künstler Bezug auf die Katastrophe von Tschernobyl. Handgeschriebene Zitate aus dem Johannesevangelium sind hier mit einem Asche- und einem Nagelbild eingefasst (€ 200.000 – 300.000).

Gemeinsam mit Heinz Mack und Otto Piene begründete Günther Uecker 1958 in Düsseldorf die Künstlerbewegung ZERO. Die „angestrebte Tendenz war die Reinigung der Farbe von den Spuren des Informel und des Neo-Expressionismus, die friedliche Eroberung der Seele durch Sensibilisierung. […] ZERO ist eine unmessbare Zone, in der ein alter Zustand in einen unbekannten neuen übergeht“, sagte Otto Piene über die Entstehung von ZERO.

Günther Ueckers Werk „Johannes“ von 1995, das im Dorotheum zur Auktion gelangt, zählt zu seinen bibliophilen Werken. Diese Werkgruppe umfasst über 200 Arbeiten, darunter zahlreiche Mappenwerke, Bücher, große Objektinstallationen und Multiples, die sich mit der Sprache, mit politischen, religiösen und auch fiktiven Texten auseinandersetzen. Sie bilden das Werk oder sind fest darin eingebunden.

In „Johannes“ sind dem Text der Verse 1 bis 9 aus Kapitel 1 des Johannes-Evangeliums ein Asche- und ein Nagelbild beiseitegestellt. Der Text ist integrativer Bestandteil des Gesamtwerkes und wird neben den flankierenden Arbeiten zum Kunstwerk erhoben. „Wenn man die Wörter abschreibt, erfolgt so etwas wie eine Verinnerlichung im Sinne eines Gebetes. Und wenn ich mich diesen Wörtern zuwende, dann ist bildnerisch Handeln und lesbar Schreiben ein ganz wichtiger Prozess, um auf die Ursprünglichkeit und auch auf den ethischen Ausdruck der Schrift zu kommen. Es muss auf mich übergehen, sonst würde ich nur wie ein Schreiberling abschreiben und nicht verstehen, was ich schreibe“, so Uecker. Die Worte sind mit dem Kunstwerk verbunden und als komplementärer Kommentar zu den begleitenden bildnerischen Arbeiten zu verstehen.

Uecker

Mit den Aschebildern, die vor allem in der Zeit nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl 1986 entstanden, setzt Günther Uecker ein politisches Statement. Er kritisiert die Zerstörung der Umwelt und des Menschen durch den Menschen. Zugleich sieht er die Asche nicht nur als Hinterlassenschaft der Vernichtung, sondern auch als Symbol des Neuanfangs, das gleichsam für Zerstörung und Heilung wie auch für Ende und Anfang steht. Uecker stellt den Beginn des Johannes-Evangeliums „Im Anfang war das Wort …“ somit in einen direkten Bezug zu dem Aschebild, das in seinem Werk „Johannes“ den Anfang symbolisiert.

Die seit Mitte der 1960er-Jahre entstehenden Nagelfelder mit ihrer starken optischen Wirkung sind auf positive Erfahrungen Ueckers zurückzuführen. Er verarbeitet darin seine Erinnerungen an die Kindheit an der Ostsee, als er mit großem Vergnügen und überaus akribisch die Felder bestellen durfte. So suggerieren die in einem freien Rhythmus eingeschlagenen Nägel dem Betrachter, auf ein sich im Wind wiegendes Kornfeld zu blicken. Verstärkt wird dieser Eindruck durch die changierende Oberfläche, die sich aus den nur an den Köpfen weiß getünchten Nägeln ergibt.

Mit dem Nagel markiert Günther Uecker einen Punkt zwischen den polaren Prinzipien von Licht und Schatten, die für permanente Heilung, Neuschöpfung und Reinheit, aber auch für Vernichtung, Tod und Dunkelheit stehen. Als letztes Element des bibliophilen Werkes „Johannes“ nimmt das Nagelbild die Worte von Vers 9, Kapitel 1 des Evangeliums nach Johannes auf. Uecker verdeutlicht Licht und Schatten als sich bewegendes Feld und als immer unterschiedlichen Schatten der Nägel auf Wand und Blättern.

Die künstlerische Handlung des Nagel-Einschlagens, mit der die Textblätter mittels großer Nägel an der Wand angebracht werden, enthält eine derartige sprachliche Mitteilung, die so in den Gesamtkontext des Werkes eingebracht wird. Die Asche und die Nägel werden zu chiffrenartigen Informationsträgern, die mit der zum Kunstwerk erhobenen Schrift zum bibliophilen Gesamtwerk zusammenfließen.

Diese drei Werke von Günther Uecker und viele weitere ausgezeichnete Kunstwerke sind teil der Zeitgenössische Kunst Auktion am 27. November, 2018.

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