KUNSTWERK DES TAGES – Rudolf Hausner

Landschaft des Menschen

„Ich begann an einem Landschaftsbild zu malen. Je länger ich daran arbeitete, um so deutlicher entwickelten sich zwei völlig unterschiedliche Bereiche. Der eine ist von einer Mauer umschlossen, der andere ist unbegrenzt. In dem linken Kontinent setzte sich immer mehr ordnender Wille durch. Alle Einzelerscheinungen wurden in einer Gesamtorganisation zusammen gefaßt. Es entstand ein System, das das ganze Areal in zentrale und periphere Portionen gliederte. Dieser Bereich ist zwar Natur, aber eine vom Verstand dirigierte. 

Der andere Kontinent, den weitaus größeren Teil des Bildes einnehmend, begann eine andersartige Natur zu entfalten. Die gewohnten Proportionen wurden verlassen. Wie imTraum verzerrten sich die Objekte. Die malerischen Assoziationen nahmen einen eigenwilligen Verlauf, Erinnerungsbilder verschiedener Spezies kombinierten miteinander zu neuen Arten.

In den letzten Phasen der Arbeit an diesem Bild begann ich es zu verstehen. Langsam wurde mir klar, daß ich die poetische Metapher der Natur benutzt habe, um eineTopographie der Landschaft des Menschen zu malen.
Es überraschte mich sehr, als ich die auffallende Ähnlichkeit mit der ‚Arche des Odysseus‘ entdeckte: In beiden Bildern wird das Bewußte mit dem Unbewußten konfrontiert. Im Odysseus mit allen autobiographischen Details besetzt, in den ‚Zwei Kontinenten‘ jedoch aus der Sphäre privater Intimitäten herausgehoben.“ 

Rudolf Hausner
Hans Holländer, Werkmonographie, Edition Volker Huber, 1985

Rudolf Hausner (Wien 1914–1995), „Zwei Kontinente“, 1961, Tempera, Harzöl auf Leinwand auf Novopanplatte, 60 x 299 cm, Schätzwert € 80.000 – 140.000
Rudolf Hausner (Wien 1914–1995), „Zwei Kontinente“, 1961, Tempera, Harzöl auf Leinwand auf Novopanplatte, 60 x 299 cm, Schätzwert € 80.000 – 140.000

Rudolf Hausner (Wien 1914 – 1995 Mödling) ist einer der wichtigsten Vertreter der Wiener Schule des Phantastischen Realismus. In seinen detailgetreu ausgearbeiteten Gemälden von intensiver Farbigkeit und mit befremdlichen Perspektiven und Verzerrungen setzt sich der österreichische Nachkriegskünstler mit Träumen und Traumata auseinander. In seinem Werk verarbeitet er Fragen von Identität und Bewusstsein ebenso wie die Erfahrung des Zweiten Weltkrieges. Maßgeblich beeinflusst wurde der Wiener Maler und Grafiker von den französischen Surrealisten und Sigmund Freuds Traumdeutung.

KONTAKT

Elke Königseder
20c.paintings@dorotheum.at
Tel. +43-1-515 60-358, 386
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