Lucio Fontana: Figurativ vs. Abstrakt

Lucio Fontana

der Bildhauer Lucio Fontana

Lucio Fontana war einer der bedeutendsten und einflussreichsten Künstler, die Mitte des 20. Jahrhunderts wirkten. Sein Werk ist vielfältig und lässt sich verschiedenen Bereichen zuordnen, auch – und ganz besonders – der Bildhauerei. Bei der großen Novemberauktion wurden die Keramik-Arbeiten von Lucio Fontana bestens angenommen, allen voran ein goldener Concetto Spaziale für 283.600 Euro, den sich ein Bieter aus Italien sicherte.

Lucio Fontanas Arbeiten erlauben keine einheitliche Lesart. Sein Genie ist nur zu erfassen, wenn man sich die verschiedenen Phasen seines künstlerischen Schaffens vor Augen führt. Diese waren höchst inhomogen, aber allesamt revolutionär und von einer Konstante geprägt: dem schier unendlichen Geist schöpferischer Freiheit.

ein künstlerisches Vermächtnis

Das vielleicht größte künstlerische Vermächtnis Fontanas sind seine bildhauerischen Arbeiten. Lucio Fontanas Feldzug gegen den akademischen Kunstbetrieb begann in den frühen 1930er-Jahren im figurativen Bereich, dem er zeit seines Lebens treu bleiben sollte. Damals zeigte er seine ersten abstrakten Skulpturen. Das Zentrum abstrakter Kunst Italiens war zu dieser Zeit die Mailänder Galleria del Milione der Brüder Ghiringhelli, die auch Fontanas Arbeiten ausstellte. In den späten 1930er-Jahren als Bildhauer sehr produktiv, hatte er mit Terrakotta und Keramik zwei Materialien gefunden, die ihm reichlich Möglichkeiten zum Experimentieren boten. 1939 ging Fontana nach Argentinien zurück und blieb dort bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges. Als er 1946 mit südamerikanischen Studenten das „Manifiesto Blanco“ verfasste, war dies die Geburtsstunde des Spazialismo, der „Raumkunst“: Mit dessen künstlerischer und revolutionärer Sprengkraft im Gepäck kam Fontana 1947 wieder nach Italien, wo er noch im selben Jahr die erste Raumskulptur anfertigte, die schließlich bei der Biennale von Venedig 1948 ausgestellt wurde.

 

 

„Sie Objekte zu nennen war mir zu materialistisch. Für mich waren das Konzepte, weil ein ganz neues Konzept dahintersteckte – jenes, die geistige Tatsache sehen zu können.“
Lucio Fontana

 

Gemäß ihrer eigenen Poetik, die die Erfolge derRaumfahrt der 1960er-Jahre vorwegnahm, verkündeten die Vertreter des Spazialismo in ihrem „Zweiten Manifest“: „Heute sind wir Raumkünstler unseren Städten entflohen, haben unsere Schale aufgebrochen und unsere physische Hülle verlassen. Wir haben uns selbst von oben betrachtet und von Raketen aus die Erde fotografiert.“

 

nur ein Ausflug?

Fontanas Ausflug in die Bildhauerei dauerte noch ein Jahrzehnt lang an. Er war von der ständigen Gratwanderung zwischen figurativem Ausdruck und abstraktem Experiment geprägt, in der wohl Fontanas eigentliche künstlerische Handschrift zu sehen ist. Insbesondere zwischen 1950 und 1956 stellte Fontana neben „abstrakten“ Skulpturen, Raumfliesen und der Werkserie der Buchi (Löcher) auch ausnehmend naturhaft erscheinende figurative Keramiken, Heiligenfiguren und Masken her. Ab 1950 war das Werk des Künstlers zunehmend vom Spazialismo geprägt. Seine zylindrischen Vasen, Keramiken und Terrakotta- Teller waren elegant nüchtern gehalten, aber mit den für diese Phase typischen Löchern und Schlitzen versehen.

In den späten 1950er-Jahren entwickelte Fontana das Raumkonzept der „Naturen“, ein- oder zweischaliger kugelförmiger Skulpturen aus Terrakotta oder Bronze, aus denen später – nach Fontanas eigener Definition – „Ballons“ wurden. In diesen „Naturen“ nahm die kosmische Fantasie Gestalt an, auf die sich Fontana mehrfach bezog.

1962 entstand eine neue Serie von kugelförmigen glasierten Keramiken, die, einen Übergang andeutend, seitlich oft mit Schlitzen versehen waren oder in Anlehnung an seine in derselben Periode entstandenen Ölbilder amorphe, kraterförmige Löcher aufwiesen.

 

die Farbe Gold

Gelegentlich griff Fontana wie bereits früher auf Gold, byzantinisches Gold oder ähnlich schillernde und edel anmutende Gestaltungsmittel zurück; die Oberflächen blieben dabei flach, glatt und nüchtern. Wo Schnitte und Krater auftauchen, erscheint ein Strom an Magma. Das Kunstwerk scheint hier aufzuplatzen – dahinter bleibt Finsternis, das Nichts, das Jenseits.

(myART MAGAZINE Nr. 06/2015)

 

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