MARK ROTHKO – Innenansicht

Mark Rothko vor dem Werk „No. 7“, 1960 Regina Bogat zugeschriebenes Foto © 2005 Kate Rothko Prizel & Christopher Rothko, Bildrecht, Wien, 2019

Mark Rothko zählt zu den bedeutendsten Künstlern des 20. Jahrhunderts. Seine großformatigen Bilder fahren bei Auktionen regelmäßig über 30 Millionen US-Dollar ein; im Fall von „Orange, Red, Yellow“ (1961) im Jahr 2012 waren es nicht weniger als 86 Millionen – ein Weltrekord!

Anlässlich der Rothko-Werkschau im Kunsthistorischen Museum Wien hat sein Sohn Christopher, der gemeinsam mit Schwester Kate den Nachlass des Künstlers verwaltet und der Rothko Chapel in Houston vorsteht, ein Buch herausgebracht: „Mark Rothko. Dramaturg der Form“ räumt mit einem Missverständnis auf.

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von Maïa Morgensztern

Maïa Morgensztern: Mark Rothko malte über zwei Jahrzehnte lang figurative Arbeiten in ganz unterschiedlichen Stilen. Bei aller Vielfalt ging es ihm in erster Linie doch immer darum, den „Zustand“ seiner Figuren darzustellen, und nicht etwa eine physische Wirklichkeit. Trifft das auch auf seine abstrakten Arbeiten zu?

Christopher Rothko: Absolut. Seine figurativen Skizzen aus den 1930er-Jahren oder die surrealistischeren Arbeiten der 40er erscheinen ganz untypisch für Rothko. Aber ihm ging es nicht so sehr um das Offensichtliche als um den Blick in die Tiefe. Rothko kommuniziert über seine Bilder mit dem Betrachter, der seine eigene Perspektive einbringen und ganz bewusst freigelassene Lücken ausfüllen soll. Rothko liefert nur Anhaltspunkte; der Rest kommt vom Betrachter. Das gilt für die figurativen ebenso wie für die abstraktesten Arbeiten.

Mark Rothko (1903–1970), Underground Fantasy, um 1940, Öl auf Leinwand 87,3 × 118,2 cm © 1998 Kate Rothko Prizel & Christopher Rothko/Bildrecht, Wien, 2019 © Foto: National Gallery of Art, Washington, D.C.
Mark Rothko (1903–1970), Underground Fantasy, um 1940, Öl auf Leinwand 87,3 × 118,2 cm © 1998 Kate Rothko Prizel & Christopher Rothko/Bildrecht, Wien, 2019 © Foto: National Gallery of Art, Washington, D.C.

1958 kehrte Rothko der Figuration den Rücken, weil sie nach eigener Aussage „seinen Bedürfnissen nicht entsprach“, und wandte sich der abstrakten Malerei zu. Was bezweckte er damit?

Für mich zählen die letzten Werke aus seiner figurativen Hochphase der Jahre 1938 und 1939 zu seinen besten Arbeiten. Damals waren ihm die räumlichen Zusammenhänge fast wichtiger als die dargestellten Figuren. Er ließ alles Unnötige beiseite und konzentrierte sich auf das Wesentliche; die Form war ihm wichtiger als die Farbe. Dieser langwierige, wechselhafte Prozess dauerte bis 1949.

Mark Rothko (1903–1970) Untitled (Red, Orange), 1968, Öl auf Leinwand, 233 x 176 cm © 1998 Kate Rothko Prizel & Christopher Rothko/Bildrecht, Wien, 2019 © Foto: Robert Bayer/Fondation Beyeler, Riehen/Basel, Sammlung Beyeler
Mark Rothko (1903–1970) Untitled (Red, Orange), 1968, Öl auf Leinwand, 233 x 176 cm © 1998 Kate Rothko Prizel & Christopher Rothko/Bildrecht, Wien, 2019 © Foto: Robert Bayer/Fondation Beyeler, Riehen/Basel, Sammlung Beyeler
Mark Rothko (1903–1970), Untitled, 1950, Öl auf Leinwand, 230,2 × 128,9 cm © 1998 Kate Rothko Prizel & Christopher Rothko/Bildrecht, Wien, 2019
Mark Rothko (1903–1970), Untitled, 1950, Öl auf Leinwand, 230,2 × 128,9 cm © 1998 Kate Rothko Prizel & Christopher Rothko/Bildrecht, Wien, 2019

Die Dominanz der Formen – oder „Maße“, wie Rothko meinte – scheint der allgemeinen Ansicht zu widersprechen, bei ihm hätte sich alles um Farbe gedreht …

Die Farbe ist zweifellos ein wichtiger Bestandteil der Bildsprache Rothkos, aber sie ist nur ein Lockmittel, wenn Sie so wollen. Mit Ausnahme einiger Studien für Wandbilder ist keine der Skizzen für seine klassischen abstrakten Arbeiten in Farbe gehalten. Er hat sich immer zuerst mit Stift und Tinte ans Werk gemacht. Diese Skizzen bieten uns eine Innenansicht. Sie sind das Grundgerüst der Arbeit. Rothko denkt nicht in farblichen Dimensionen, wie man meinen würde. Im Werk meines Vaters stand stets die Frage der Form im Vordergrund. Die Formen bilden von Anfang an den Rahmen der Bilderfahrung. In den 50er- und 60er-Jahren werden seine Bilder immer größer, nehmen den Betrachter fast vollständig ein, ziehen seine gesamte Aufmerksamkeit auf sich. Die weichen, unscharfen Rechtecke aus seiner reifen Schaffensperiode füllen unser Sichtfeld aus. Rothko führt uns vor Augen, was wir ohnehin sehen. In den Bildern geht es nicht um Rothko; es geht um seine Vorstellung davon, was es bedeutet zu leben.

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Maïa Morgensztern ist Leiterin des Kulturprogramms der British Friends of the Art Museums of Israel (BFAMI) und Chefredakteurin von CULTURE ALT.com

Die Ausstellung „Mark Rothko“ ist bis 30 Juni 2019 im Kunsthistorischen Museum Wien zu sehen. Christopher Rothkos Buch „Mark Rothko. Dramaturg der Form“ ist im Piet Meyer Verlag in der Reihe KapitaleBibliothek erschienen.

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