Mythos Shelby Cobra – Legendärer Roadster in Dorotheum-Auktion

1963 Shelby Cobra 289 Mk. I in Guardsman Blue (linke Seite)

Auktionsupdate: 1963 Shelby Cobra wurde für € 1.012.000 bei der Classic Expo in Salzburg versteigert.

Herbstliches Highlight der kommenden Dorotheum-Auktion Klassische Fahrzeuge ist die 1963er Shelby Cobra mit nur 9.673 Meilen auf dem Tacho. Der legendäre Roadster stammt aus der Werkstatt des texanischen Amateurrennfahrers Carroll Shelby. Ein rasanter Blick auf den Mann hinter dem Mythos Shelby Cobra.

Am 23. Januar 1954 rast ein texanischer Amateurrennfahrer, gescheiterter Hühnerfarmer und Sohn eines Postboten, mit einem Allard J2X zur Pole Position beim 1.000-km-Rennen von Buenos Aires, dem ersten Lauf zur Sportwagen-Weltmeisterschaft. Hinter ihm die illustre Riege der Werksteams und der gut betuchten Privatfahrer mit all ihren hochgezüchteten Ferraris, Maseratis, Aston Martins, Jaguars oder Porsches – Science Fiction im Gegensatz zum Allard mit seinem 5,4-Liter-Cadillac-V8-Motor und Dreiganggetriebe. Am Volant das Who is Who der Rennsportwelt und die Speerspitze des internationalen Jetsets, auf den Rennstrecken ebenso zu Hause wie in der täglichen Klatschpresse, ihre Namen mindestens so schillernd wie die ihrer fliegenden Kisten – ganz vorne aber steht Carroll Shelby.

Caroll Shelby am Lenkrad, lächelnd
Carroll Shelby: Der Kopf der Cobra

Tags darauf im Rennen soll es nur für Platz 10 reichen, Jungspund Umberto Maglioli und Veteran Giuseppe Farina gewinnen vor Playboy Alfonso de Portago und Rennfahrerspross Harry Schell. Zu behäbig ist Shelbys Allard letztlich gegen die kleinen, wendigen Raketen aus der alten Welt. Doch schon im folgenden Rennen in Sebring sitzt er selbst in einer solchen. John Wyer, David Browns Teamchef, waren die kühnen Fahrkünste des Texaners in Argentinien nicht entgangen, und so findet sich Carroll Shelby am Steuer eines Aston Martin DB3S wieder. Nach Gastspielen bei Ferrari und Maserati ist es abermals das Werksteam von Aston Martin, für das er den größten und gleichzeitig letzten Erfolg seiner kurzen Karriere einfährt. 1959 gewinnt er gemeinsam mit Roy Salvadori das 24-Stunden-Rennen von Le Mans. Im September desselben Jahres sitzt Carroll Shelby in Monza zum letzten Mal am Steuer seines Aston Martin Formel-1-Wagens, zum folgenden Heimrennen tritt er nicht mehr an. Ein angeborener Herzfehler lässt ihn auf Drängen der Ärzte seinen Helm an den Nagel hängen. Daran können auch die Nitroglycerin-Kapseln, mit denen unter der Zunge er zuletzt an den Start ging, nichts ändern.

Doch der Rennsport lässt Carroll Shelby nicht los. Er will ein Auto bauen, ein amerikanisches, eines, das den vornehmen Europäern zeigt, wo der Auspuff hängt. Was ihm fehlt, sind ein Chassis und ein Motor, also eigentlich alles. Aber die Jahre auf den Rennpisten haben ihm Kontakte beschert, und die sind nun Goldes wert. Schon 1957 holte sich Shelby eine glatte Abfuhr bei General Motors. Dort will man kein zweites Rennpferd im eigenen Stall, die Corvette im Renntrimm muss genügen. Bei einem jungen Ford-Manager namens Lido A. Iacocca findet er Gehör. Der stellt Shelby kurzerhand seinen neuen Motor zur Verfügung, einen 260 Kubikinch V8. Zur selben Zeit gehen in England bei AC Cars die Motoren aus. Deren Ace, 1953 präsentiert, befeuert von einem Bristol-Motor, der in direkter Linie von BMWs Jahrhundertentwurf des Vorkriegs-328 abstammt, reüssiert in der Zwei-Liter Klasse auf den Pisten von Sebring, Le Mans & Co. Doch Bristol macht die Schotten dicht, und damit rennt Shelby bei AC offene Türen ein. Ein Vertrag wird unterfertigt, und schon im Februar 1962 fliegt der erste Prototyp ohne Motor und Getriebe über den Atlantik – nackt, denn zum Lackieren bleibt keine Zeit. Davor hatte man bei AC alle Hände voll zu tun, statt niedlichen 135 Pferdestärken will nun eine Herde von doppelter Größe vom Chassis gebändigt werden. Acht Stunden nach der Landung in LA rollt ein fertiges Auto aus der Werkstatt im wenig schicken Santa Fe Springs zur Probefahrt. Und es ist schnell, viel schneller, als Shelby es sich hätte träumen lassen.

Caroll Shelby posiert mit seinen drei Cobra Roadster
Carroll Shelby in Kalifornien, 1963.

Carroll Shelby braucht noch einen Namen für sein Auto, und weil die besten Ideen gern in den unpassendsten Augenblicken kommen, trägt er stets Stift und Block bei sich. Auf einem solchen findet er eines Morgens „Cobra“ geschrieben. Erinnern kann er sich nicht, dafür hat er einen Namen, zumindest will es so die Legende. Und weiter? Die einschlägige Presse überschlägt sich vor Lob, Shelby lackiert den Prototyp für jeden Test um, versucht so etwas wie Serienfertigung vorzugaukeln – bei insgesamt 998 gebauten Cobras davon zu sprechen ist ohnedies verwegen –, während AC sein Bestes tut, alle Wehwehchen auszumerzen. Die frühen Modelle – der 289er-Motor löst bald den 260er ab – werden heute als „Mark I“ bezeichnet, mit neuer Lenkung heißen sie dann „Mark II“.  Ende 1964 bekommt die Shelby Cobra eine Testosteronkur verpasst, sieben Liter Hubraum, an die 500 PS, Schraubfedern und dank üppiger Kotflügelverbreiterungen ein kaum wiederzuerkennendes maskulineres Erscheinungsbild. „Cobra 427“ nennt sich dieses Monster.

Shelby Cobra Logoschild auf Autohaube
Eine Ikone wird geboren: Das Emblem auf der Haube der Shelby Cobra

In der GT-Klasse schlagen sich Shelbys Cobras mehr als wacker, doch die europäischen Alchemisten schlafen nicht und zaubern Diamanten von Rennwagen, gegen die auf den großen Rennstrecken dieser Welt in der offenen Klasse kein Kraut gewachsen ist. Als 1966 der Vertrag mit AC ausläuft, ist die Cobra nach nicht einmal 1.000 Exemplaren Geschichte. Carroll Shelby bleibt Ford treu und wendet sich einem Projekt namens GT40 zu. Damit will das Imperium zurückschlagen. Tut es auch, und wie! Vier Jahre in Folge in Le Mans.

Hinterachse des Shelby Cobra CSX2104 in Guardsman Blue
Auf Achse: Auch die Kotflügel des CSX2104 zeigen Kurvenaffinität

Der Mythos Shelby Cobra bleibt ungebrochen. Rick Kopec beschreibt es in seinem „World Registry of Cobras and GT40s“ treffend mit den Worten: „the Cobra Team was a bunch of under-dog California hot-rodders who went to Europe and didn’t know they weren’t supposed to be able to do the things they were doing. They just did them.

Unsere Shelby Cobra, CSX2104, ist die allererste, die nicht rot, weiß oder schwarz war. „Guardsman Blue“ nennt sich diese wunderschöne Farbe, die in Folge alle Shelby-Werksrennwagen tragen sollen. Doch das ist lange nicht die einzige Besonderheit, die diese Cobra auszeichnet. Die längste Zeit ihres Autolebens verbringt sie in den Händen von Mrs. Rozella Ruch. Als diese Anfang der 1970er-Jahre nach Hawaii übersiedelt, nimmt sie ihre geliebte Cobra mit, laut Frachtpapieren hat sie die Cobra bis dahin erst 7.200 Meilen gefahren. Viel mehr sollen es nicht werden. Gerade einmal 2.000 in den folgenden 15 Jahren, dann stirbt Rozella Ruch, zwei Jahre später verkauft ihr Witwer Morris den Wagen mit 9.159 Meilen auf der Uhr nach Kalifornien. Dort wird die blaue Cobra wieder auf Vordermann gebracht; weil ihr aber sämtliche Misshandlungen auf diversen Rennstrecken zeitlebens erspart blieben, ist sie wohl eine der ursprünglichsten heute noch existierenden. Vor gut zehn Jahren nach Deutschland übersiedelt, zeigt ihr Tachometer heute 9.673 Meilen an, gerade einmal 15.000 Kilometer. In 52 Jahren wohlgemerkt! Sie ist die erste in „Guardsman Blue“, dokumentiert wie keine andere, und eine der originalsten!

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(myART MAGAZINE Nr. 06/2015)

1963 Shelby Cobra 289 Mk. I
CSX2104, erste Cobra in „Guardsman Blue“
original 9.673 Meilen Laufleistung
Schätzwert € 950.000 – 1.250.000
Auktion Klassische Fahrzeuge und Automobilia, 17. Oktober 2015
Palais Dorotheum

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Information:
Mag. Wolfgang Humer
+43-1-515 60-428
oldtimer@dorotheum.at

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