Renate Bertlmann auf der Biennale in Venedig

AUF MESSERSSCHNEIDE

Mit Witz, Intellekt und fröhlich dekorierten Kondomen dreht die Künstlerin Renate Bertlmann die herrschenden Geschlechterverhältnisse um. Bereits in den 1970er-Jahren zählten auch queere Themen zu ihrem Repertoire. Mit Unterstützung vom Dorotheum vertritt sie Österreich nun bei der Biennale in Venedig 2019.
von Nina Schedlmayer

Renate Bertlmann, EX VOTO, 1985, Polyurethanschaum, Ölfarbe, Stahlmesser, Plexiglas, 92x87x40
© Renate Bertlmann, Foto: Renate Bertlmann

Kann ein Kunstwerk aggressiv und süßlich zugleich wirken? Der Künstlerin Renate Bertlmann gelingt in ihrer Skulptur „EX VOTO“ von 1985 dieser Spagat meisterhaft. Zwei Brüste erheben sich da aus einem Herz, das an klebrige Lebkuchenprodukte vom Jahrmarkt erinnert. Aus einer von ihnen ragt ein Messer, dessen Klinge sich gegen sein Publikum richtet. Bedroht ist nicht mehr der weibliche Körper, sondern der männliche Blick, der ihn begehrt.

Die Arbeit hatte einen Vorläufer, die „Messerbrüste“. Nicht jeder fand sie witzig: „Die Männer fühlten sich bedroht und die Frauen bezeichneten die Arbeit als antifeministisch, weil masochistisch und selbstzerstörerisch. Dass es die ästhetische Konstruktion verlangt, ein Messer in die Brust einzusetzen, um die Brust als Fetisch und Lustobjekt zu verweigern, war ihnen nicht einsichtig.“ So erinnerte sich die Künstlerin 2015 in einem Gespräch mit Gabriele Schor, Leiterin der Sammlung Verbund, an die Rezeption der Skulptur. Sie entzieht sich nicht nur jedem erotischen Begehren, sondern tut etwas, was in Bertlmanns Arbeit häufig geschieht: Sie dreht die herrschenden Verhältnisse um. Wenn die Wienerin Messerklingen mit fröhlich dekorierten Kondomen überzieht, Penisse von der Größe bombastischer Brotwecken durch den Ausstellungsraum kutschiert oder als androgyne Figur im Anzug neben einer Schaufensterpuppe zum Schein masturbiert, dann bringt sie die tradierten Geschlechterrollen gehörig durcheinander.

Renate Bertlmann, Dessert, 1999 Ausstellungsansicht: Sex Work: Feminist Art & Radical Politics, Frieze London, 05.10. – 08.10.2017, © Renate Bertlmann © Richard Saltoun, London, Foto: Peter Mallet

Mit ihrer ebenso witzigen wie kritischen Kunst bespielt Renate Bertlmann, mit Unterstützung des Dorotheum, den österreichischen Pavillon auf der Biennale Venedig 2019 – als erste Frau im Alleingang. Ausgewählt wurde die 1944 geborene Performerin, Fotografin, Filmemacherin, Zeichnerin, Objekt­ und Installationskünstlerin von Kuratorin Felicitas Thun­Hohenstein, Professorin an der Akademie der bildenden Künste Wien. Für Bertlmanns Kunst verwendet sie gern den Begriff „Ästhetik des Riskanten“. Darunter verstehe sie eine „künstlerische Sprache, die das Wagnis des Verlesens mitdenkt und ein Vokabular vorantreibt, das sich jeder Zuordnung entzieht und in dem sich ästhetische und konzeptuelle Potenzialität auf Messers Schneide treffen.“ Für Venedig wählte das Duo vorhandene Arbeiten aus; zudem konzipierte die Künstlerin eine zweiteilige Installation, über die noch Stillschweigen herrscht.

Die Vorbereitungsarbeiten muss man sich wohl ziemlich ausufernd vorstellen. Thun­Hohenstein: „In den vergangenen Monaten haben wir über 4.000 Arbeiten von Renate Bertlmann gesichtet und währenddessen unzählige Ausstellungsideen geboren. Ein Großteil dieses lebendigen Archivs wurde noch nie gezeigt, es gibt viel zu tun.“

Renate Bertlmann Messerschnullerhände, 1982 Schwarz-Weiß-Fotografie auf Barytpapier, 39 x 29 cm
© Renate Bertlmann © SAMMLUNG VERBUND, Wien, Foto: Renate Bertlmann

Über fünf Jahrzehnte hindurch arbeitete die Biennale­ Teilnehmerin an ihrem Œuvre, zumeist ziemlich ungestört, ohne Hypes um ihre Person. Am Kunstmarkt war sie kaum präsent. Erst in jüngerer Zeit entdeckten auch Galerien – in Österreich die Galerie Steinek, in London Richard Saltoun – ihr Werk. In den 1970er­ Jahren, als Bertlmann ihre künstlerische Sprache entwickelte, dominierte in Österreich noch immer der Wiener Aktionismus, auch die gestisch­abstrakte Malerei wurde gefeiert. Künstlerinnen hatten es im männerdominierten Kunstbetrieb ohnehin schwer, Bertlmann mit ihren feministischen Arbeiten noch mehr. Damals von den großen Wiener Museen kaum beachtet, zeigt sich im Rückblick jedoch die internationale Bedeutung ihrer Arbeit. Denn auch andere, heute global prominente Künstlerinnen befassten sich in dieser Zeit mit männlicher Sexualität: Lynda Benglis posierte nackt mit einem Dildo in der Hand, Judith Bernstein zeichnete riesige Phalli, Louise Bourgeois goss Penisse aus Bronze. Anderswo erweist sich Bertlmann als wahre Pionierin. In der Fotoserie „Verwandlungen“ aus dem Jahr 1969 posiert sie in verschiedenen Rollen, etwa als romantisches Blumenmädchen, Femme fatale mit Fächer oder lässige Garçonne. In den 1980er­Jahren sollte Cindy Sherman mit vergleichbaren Selbstinszenierungen zu Weltruhm gelangen.

Doch während Österreich für die breitere Rezeption von Bertlmann noch eine Weile brauchen sollte, stellte die Künstlerin schon damals international aus. In der Amsterdamer Stichting De Appel nahm sie 1978 an einer Schau zu internationaler feministischer Kunst teil, gemeinsam mit Kalibern wie Benglis und Hannah Wilke. 1980 wurde sie in den legendären New Yorker Performance­Space Franklin Furnace geladen. Dort führte sie ihre Arbeit „Sling Shot Action“ auf, bei der sie zwei Gummipuppen mit einer Steinschleuder, zusammengesetzt aus zwei Dildos, attackierte – eine „ironische Genesis“, wie sie es selbst nannte. Die Gründerin von Franklin Furnace Archive Inc., Performance­Pionierin Martha Wilson, bezeichnete ihre Kollegin als „ihrer Zeit weit voraus“, wie Kuratorin Felicitas Thun­Hohenstein erzählt. Sie meint: „Was Renate Bertlmann aus heutiger Sicht unter anderem einen besonderen Stellenwert einräumt, ist vielleicht, dass sie von Anfang an mit ihren Körperanalysen und prothetischen Körperextensionen auf einem lustvoll unentschiedenen Terrain forscht, das geschlechtliche Subjektivität ausreizt. Damit öffnete sie bereits in den 1970er­Jahren Perspektiven eines queeren und posthumanistischen Handlungsraums.“

Renate Bertlmann (re.) mit Kuratorin Felicitas Thun-Hohenstein © Irina Gavrich

Heute kann die Künstlerin aus einem reichen Werk schöpfen, einem „wahrhaft monumentalen Archiv der Schaulust“, wie es die Kunsthistorikerin Edith Almhofer einmal formulierte. „Ich kann auf 50 Jahre genussreichstes Arbeiten zurückblicken“, sagte Bertlmann einmal. „Das ist doch ein Geschenk des Himmels!“ Nicht nur für sie selbst.

 

Beitragsbild: In der Fotoserie „Verwandlungen“ aus dem Jahr 1969 posiert Bertlmann in verschiedenen Rollen. Renate Bertlmann Schwarz-Weiß-Fotografien (aus einer Serie von 53), Courtesy: Renate Bertlmann und Richard Saltoun Gallery, London © Renate Bertlmann/ Bildrecht Wien

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