Contemporary Week im Dorotheum

ÜBER SKULPTUR

Marmor, Bronze, Plexiglas …  Die Skulptur ist tief in der europäischen Tradition verwurzelt; ihre klassischen Konzepte und Materialien werden ständig neu angewandt und interpretiert. Dorotheum-Expertin Maria Cristina Corsini gibt einen Überblick über einige der spannendsten Positionen der modernen Bildhauerei anhand von Werken, die im Juni im Dorotheum zur Auktion gelangen.

Die Kraft und die Faszination, die klassische Skulpturen ausströmen, geht vom Wegnehmen von Material von einem Marmorblock aus, in dem man gleichermaßen die Energie einfangen und die Bewegungen der Seele freisetzen, sie in Form von Licht und Schatten materialisieren will.
Die Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts ist eine stürmische Abfolge von rückwärtsgewandten Zyklen und Phasen der Revolte sowie akademischen Reaktionen und Einflüssen darauf.
Der Künstler experimentiert von einer Periode zur nächsten, von Schnitt zu Schnitt, von Schicht zu Schicht, entfernt sich immer weiter von der formalen Strenge und vom Material, definiert plastische Strukturen jenseits traditioneller Techniken, wobei er kontinuierlich Überschneidungen zwischen den Künsten erforscht.
Die am sorgsamsten gehütete der klassischen Techniken, die Skulptur, ist tief in der „europäischen“ Kultur verankert. Sie knüpft an die Poesie von Relikten und Bruchstücken an, orientiert sich an industriellen Techniken, an Handwerk und Tischlerei. Aus der Zertrümmerung des industriellen Produkts wird rohe Materie neu erschaffen.

Arnaldo Pomodoro, „Disco in forma di rosa del deserto, studio I”, Bronze, ca. 1993-1994, 2/6 Durchmesser 60 cm, Schätzwert € 200.000 – 300.000, Auktion Post-War and Contemporary Art I 5. Juni

Pomodoro Für Arnaldo Pomodoro schaffen die in Bronze artikulierten Modulationen ein dichtes Netz expressiver Verbindungen, einen „dialektischen Prozess zwischen unendlichem Raum und organischer Struktur“, wie er in einem Interview 1964 erklärte. Diese „Schriften“, die im Positiven wie im Negativen die Oberfläche seiner Skulpturen beleben, interagieren mit dem Betrachter

 

Marino Marini, Piccolo cavaliere, 1949 bemalte und glasierte Keramik, H 39,4 cm Schätzwert € 80.000 – 120.000, Auktion Post-War and Contemporary Art I, 5. Juni

Marini 1936 setzt sich Marino Marini zum ersten Mal mit jenem Thema auseinander, das ihn weltweit berühmt machen wird: Von den Vorkriegsjahren an erscheinen Marinis Reiter (Cavalieri) als felsenfeste, im Gleichgewicht ruhende Figuren in einem Wechsel weicher und quadratischer Formen. Später entwickelt sich das Thema in den „Wundern“ (Miracoli) weiter: Figuren von gestürzten Reitern werden zur tragischen bildnerischen Interpretation der historischen Realität.

 

Giacomo Manzù, Ragazza in poltrona, Ebenholz, 1975, Einzelstück, 122 x 100 x 116 cm Schätzwert € 70.000 – 100.000, Auktion Modern Art, 4. Juni

Manzù Wenngleich sich Giacomo Manzù anfänglich ideell mit der romantischen Tradition von Medardo Rosso in Verbindung bringen lässt, kristallisiert sich sehr schnell seine kraftvolle Persönlichkeit heraus; seine individuelle Sprache hebt ihn von der plastischen Formensprache seiner Zeit ab. Die Eleganz, die Manzùs Skulpturen ausstrahlen, und die religiös anmutende Thematik vieler seiner Werke zeigen unverwechselbar seinen tiefgründigen Humanismus.

 

Giulio Paolini, Niente e subito, 2006 2 Plexiglasformen, 1 Papier, 1 schwarzer Stift unnummeriertes Einzelstück einer Auflage von 6 Einzelstücken, Form A: 120 x 40 x 40 cm, Form B: 116 x 32 x 32 cm, Papier: 30 x 30 cm Schätzwert € 45.000 – 55.000, Auktion Post-War and Contemporary Art I, 5. Juni

Paolini „Niente e subito“ (Nichts, und das sofort) wiederum gibt Zeugnis vom köhärenten und konzeptionell anspruchsvollen Forschen Giulio Paolinis. Zwei Sockel aus Plexiglas, einer im Inneren des anderen, schließen oben einen Bleistift und unten ein weißes Blatt Papier ein. Das im Titel angekündigte „Nichts“ (als Kontrast auf den Spruch „Alles, und das sofort“ anspielend) findet in der leisen Unbeweglichkeit der Leere und der Distanz ein Abbild. Das „Nichts“, das sich unserem Blick offenbart, und die Werkzeuge der Zeichnung, die in der Darstellung den Platz des repräsentierten Objekts einnehmen, evozieren eine latente Potenzialität, die jedes mögliche Bild einschließt.

 

Igor Mitoraj, Ikaro, Ende der 1980er Bronze, Nr. 1 einer Auflage von 1 189 x 42 x 27 cm Schätzwert € 40.000 – 60.000, Auktion Post-War and Contemporary Art I, 5. Juni

Mitoraj Die in ihrer formalen Strenge bis zum Äußersten des klassischen Gestaltens getriebenen Figuren von Igor Mitoraj sind nur scheinbar Träger einer archaischen und antiken Dimension. Der kulturelle – nicht mediterrane – Hintergrund des Künstlers drängt ihn zu einer bedingungslosen Revision. Er zerschlägt seine Ikonen, fügt sie neu zusammen und führt sie in die Moderne über.

 

Ilya Kabakov, The Egg, 2002 Alabasterpulver auf „pietra serena”-Stein und Holzsockel Nummer 3 einer Edition von 5 „ess“ + 4 Artist’s proofs 49 x 66,5 x 43,5 cm (Sockel: 128 x 113 x 39,5) Schätzwert € 80.000 – 120.000, Auktion Post-War and Contemporary Art I, 5. Juni

Kabakov llya Kabakov ist einer der repräsentativsten Konzeptkünstler des 20. Jahrhunderts. Als er seine Frau Emilia kennenlernt, nimmt eine Verbindung von Leben und Kunst ihren Anfang. Gemeinsam schaffen sie Werke und Installationen, wobei sie existenzielle Themen aufgreifen. Ihre Sprache fußt auf der Analyse der Lebenserfahrung in der sowjetischen Gesellschaft.

 

Nicholas Hlobo Ubomvu, 2004-2007 Holz, Band, Reifen, Spitze, 183 x 102 x 74 cm Schätzwert € 45.000 – 55.000, Auktion Post-War and Contemporary Art I, 5. Juni

Hlobo Tief verwurzelt in der Kultur der südafrikanischen Xhosa, setzt sich Nicholas Hlobo mit den Themen Identität und Sexualität in der Post­Apartheid­Gesellschaft auseinander. Der Künstler wählt Gummi, Satinbänder, Organza, Leder und Altkleider als Elemente, um daraus taktile Skulpturen und Zeichnungen zu komponieren, in denen dem Material eine metaphorische Bedeutung zukommt. Der Kontrast zwischen der Weiblichkeit, dargestellt durch das Seidenband, und der Männlichkeit, symbolisiert im Autoreifen, lässt eine mehrdeutige Annäherung an die Sexualität entstehen.

 

Berlinde De Bruyckere, Kooi, 1991 Eisenkäfig und Decken 122,5 x 200 x 76 cm Schätzwert € 100.000 – 120.000, Auktion Post-War and Contemporary Art I, 5. Juni

Bruyckere Auch für die flämische Künstlerin Berlinde De Bruyckere hat die Wahl der Arbeitsmaterialien für ihre Skulpturen stark symbolischen Charakter. Wachs, Pferdehaut, Decken, Samt, aber auch Kästen und Käfige haben Anteil an der Visualisierung eines visionären Universums, das sich seit Anfang der 1990er­Jahre auf die menschliche Anatomie zu konzentrieren scheint; Fragmente und gewundene Körper, oftmals von Decken bewacht und geschützt, sind ein konstantes Thema in ihrer späteren Produktion, die stets die Sterblichkeit des Körpers in den Mittelpunkt rückt.

INFORMATIONEN zur AUKTION

Auktionsdatum:
Modern Art, 4. Juni, 17.00 Uhr
Post War and Contemporary Art I, 5. Juni, 17.00 Uhr
Post War and Contemporary Art II, 5. Juni, 16.00 Uhr

Auktionsort: Palais Dorotheum, Dorotheergasse 17, 1010 Wien

Besichtigung: ab Samstag, 25. Mai

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