Florentina Leitner: Character Couture

Die Modebibel „Vogue“ bezeichnet sie als „vielversprechendste Newcomerin“ Österreichs. Zu ihren Fans gehören Stars wie Lady Gaga, Kylie Jenner und Ellie Goulding. Inspiriert von Gemälden Alter Meister und des 19. Jahrhunderts entwarf Florentina Leitner in Kooperation mit dem Dorotheum eine Reihe von Looks, die im Oktober 2023 versteigert werden. Wir sprachen mit der Jungdesignerin über Mode zwischen Kreativität und Business, Kunst als Inspirationsquelle und die Freude am Dresscode.

Florentina Leitners Mode mag verspielt und träumerisch daherkommen, doch auf dem harten Pflaster der Modewelt bewegt sie sich trittsicher. Die aufstrebende Designerin absolvierte die Königliche Akademie der schönen Künste in Antwerpen, eine der prestigeträchtigsten Lehranstalten für Modedesign, und eine der anspruchsvollsten – die Abschlussquote liegt bei gerade einmal 23 Prozent. Die gebürtige Mödlingerin arbeitete ein Jahr lang für den international einflussreichen Designer Dries van Noten, bevor sie 2021 mit ihrem eigenen Label durchstartete.

Fat Flower, Fat Sunglasses – die Sonnenbrille aus der „Zauberberg“- Kollektion ist von Erwin Wurms Fat Car-Skulpturen inspiriert. © Benjamin Mallek
Fat Flower, Fat Sunglasses – die Sonnenbrille aus der „Zauberberg“- Kollektion ist von Erwin Wurms Fat Car-Skulpturen inspiriert. © Benjamin Mallek

„Kunst und Filme inspirieren mich sehr. Darum war die Arbeit mit Bildern aus dem Dorotheum besonders spannend. Ich möchte, dass man die Kunstwerke, mit denen die Stoffe bedruckt sind, erkennen kann, gleichzeitig sollen die Looks meine eigene verspielte Herangehensweise, meine Handschrift als Designerin verkörpern“, bekräftigt Florentina Leitner gleich zu Anfang des Gesprächs mit dem Dorotheum myART MAGAZINE. Wer einen Blick auf die Kollektionen der jungen Designerin wirft, kann sich von der Rolle, die Kunst und Film darin immer wieder spielen, selbst überzeugen. Da findet sich etwa „The Royal Leitners“, in Anspielung auf Wes Andersons tragikomische Familiensaga „The Royal Tenenbaums“ (2001). Auch für die Kollektion „Der Zauberberg“ dienten Filme als Inspirationsquelle, insbesondere der Horror-Klassiker „Suspiria“ (1977) von Dario Argento. Wer nun überzeugt davon ist, dass die preisgekrönte Kollektion „Midnight Vertigo“, mit der Florentina Leitner ihr Studium abschloss, sich auf Hitchcocks „Vertigo“ bezieht, liegt allerdings nur zur Hälfte richtig: „Meine Masterarbeit war angeregt von einer Ausstellung im Museumsquartier über Op-Art. Die hat auch ,Vertigo‘ geheißen. Erst dann bin ich darauf gekommen, dass ich mir mal den Film von Alfred Hitchcock anschauen sollte …“

So entstand eine Kollektion, die sich durch grafisch-bewegte Muster und raffinierte Schnitte auszeichnet. Die Krönung des Erfolgs: Ein Look im Stil von „Midnight Vertigo“ war Sieger eines Styling- Wettbewerbs für Weltstar und Fashionista Lady Gaga. Insbesondere der Fake-Fur-Mantel mit großflächigem knalligen Spiralmuster muss es der Musikikone angetan haben, sie ließ sich darin ablichten und postete das Foto online.

Coolness als Rüstung – die Looks der Kollektion „Jeanne“ © Tom Callemin
Coolness als Rüstung – die Looks der Kollektion „Jeanne“ © Tom Callemin

Seit ihrer Zeit an der Modeschule Hetzendorf in Wien hat Florentina Leitner einen weiten Weg zurückgelegt, heute lebt und arbeitet sie international. Ihre Mode ist in trendigen Concept Stores von London bis Südkorea vertreten. Bezüge zur Heimat sind in ihren Kollektionen aber nach wie vor vorhanden, so dreht sie ihre Fashion-Filme etwa im Burgenland oder auch mal in ihrem Elternhaus: „In Mödling lebt meine Familie in einem Jugendstilhaus, ich liebe es, alles andere rundherum ist modern. Ich glaube, ich hatte immer ein Faible für nostalgische Sachen …“ Gleichzeitig ist es der Designerin wichtig, ihrer Kleidung einen „modernen Spirit“ zu geben, traditionelle Handarbeit mit moderner Technik zu kombinieren; 3-D-Prints kommen regelmäßig zum Einsatz, für ihre neueste Kollektion plant sie, mit Laser Cut zu arbeiten. Das in ihrer Kleidung immer wiederkehrende Blumenmotiv spielte für Florentina – lateinisch für „die Blühende“ – auch schon früh eine Rolle: „Als Kind durfte ich sehr viel Zeit in der Natur verbringen … Meine Mutter liebt Blumen. Das Rosarium in Baden ist ein Ort, der mich sehr inspiriert hat.“

Blumen, bunte Farben, zarte Silhouetten – Florentina Leitners Mode ist feminin und macht Spaß. Gleichzeitig beweist sie, dass mädchenhaft nicht fragil bedeuten muss, und verleiht ihren Kreationen eine düstere, rebellische Seite. Für die Jungdesignerin kann Mode wie eine Rüstung sein – nicht umsonst ist die Kollektion Fall/Winter 2023/24 nach der französischen Heldin Jeanne d’Arc benannt. Die Stärke der Rüstung oder Uniform rührt für Florentina Leitner auch daher, im richtigen Moment das Passende zu tragen, Stichwort: Dresscode. „Das geht in unserer heutigen Gesellschaft verloren. Aber in Österreich haben wir das teilweise noch, zum Beispiel in der Ballsaison oder bei Hochzeiten. Man muss sich dann eben dem Dresscode entsprechend anziehen. Ich finde, das sollte nicht ganz verloren gehen. Deswegen mache ich auch elegantere Sachen, die man vielleicht nur ein, zwei Mal anziehen kann. Man kleidet sich bewusst für einen Ball oder eine Dis- co, wird quasi zu einem bestimmten Charakter.“

Im kreativen Prozess: ein Moodboard der Designerin ©Tom Callemin
Im kreativen Prozess: ein Moodboard der Designerin ©Tom Callemin

Auch das Werk österreichischer Künstler ist mitunter Ausgangspunkt von Florentina Leitners kreativem Prozess: „Einer der Künstler, die ich immer schon bewundert habe, ist Erwin Wurm, vor allem seine Art, alltägliche Produkte nicht mehr alltäglich aussehen zu lassen. So zum Beispiel das Fat House oder das Fat Car. Ich habe dann eben meine Fat Sunglasses gemacht: Für die Fall/ Winter-Kollektion 2022/23 habe ich eine Sonnenbrille genommen und die auch aufgeblasen.“

Der Designer Walter Van Beirendonck, Mitglied der legendären Antwerp Six und ehemaliger Vorsitzender des Modeinstituts, das Florentina Leitner absolvierte, kollaborierte 2011 mit Erwin Wurm. Ergebnis war eine Arbeit mit performativen Skulpturen, „Wear me out“. Auch Florentina ist von dieser Art des unmittelbaren Zusammentreffens von Kunst und Mode fasziniert: „Ich würde irrsinnig gerne mit einem Künstler gemeinsam kreieren. Jetzt, wo ich eine Kollektion entwickle, denke ich mehr und mehr an das Kommerzielle: Wer trägt es, wer ist der End-Customer? Aber wenn man mit einem Künstler arbeitet, finde ich es interessant, etwas zu machen, was nicht – oder nur bedingt – tragbar sein müsste. Es darf ein bisschen ausgefallener sein, ein bisschen mehr Couture.“

Künstlerische Freiheit und Leitung eines wirtschaftlichen Betriebes treffen in kaum einem Bereich so sehr aufeinander wie in der Avantgarde-Mode. Der Balance-Akt zwischen diesen zwei Wel- ten begleitet auch Florentina Leitner, seit sie sich 2021 mit ihrem Modelabel selbstständig gemacht hat. Als Jungdesignerin braucht man nicht nur einen kreativen Kopf, sondern auch Organisationstalent: „Das ist schon ein großer Umstieg von der Uni, wo deine Lehrer dir sagen: Ok, jetzt hast du diese Deadline, jetzt musst du das bis dahin fertig machen. Wenn man selbstständig ist und seine eigene Firma hat – nobody cares.“

Was manchmal trockene Arbeit sein kann, ist aber schließlich unabdingbar für den Erfolg eines Modelabels und zahlt sich für Florentina Leitner bereits aus: Sie präsentiert ihre Kollektion die- sen Herbst zum dritten Mal auf dem Modeevent schlechthin, der Pariser Fashion Week. Mit dem Erfolg stellt sich das denkbar positivste Feedback für Florentina Leitner ein: Ihre Mode wird getragen. „Das finde ich das Spannende an Kleidung, dass sie eben auch einen Zweck hat. Nicht, dass Kunst keinen Zweck hätte … Aber die Sachen auch an Leuten getragen zu sehen oder in der Stadt herumzugehen und im Shop die eigenen Sachen zu finden, das ist so eine Wertschätzung für meine Arbeit. Und es ist etwas, was verschiede- ne Menschen auch unterschiedlich stylen können. Wie eine Lein- wand, die sich laufend ändert.“

FLORENTINA LEITNER X DOROTHEUM

Kunst trifft Mode: In der Kooperation des Dorotheum mit Florentina Leitner ließ die österreichische Designerin sich von Gemälden Alter Meister und des Jahrhunderts inspirieren. Stoffe, bedruckt mit Kunstwerken, die im Dorotheum versteigert wurden, etwa von Melchior de Hondecoeter, Hans Makart oder Giovanni Boldini, bilden den Ausgangspunkt ihrer Entwürfe. Initiiert wurde die Kooperation von Künstler Klaus Pobitzer. Das  Ergebnis  sind  21  exklusive  Looks,  die bis zum 2. November 2023 in einer Online-Auktion ersteigert werden können.

Weitere spannende Artikel finden Sie im Dorotheum myART MAGAZINE!

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