Contemporary Week: Gastone Novelli

POESIE DER ZEICHEN

Oszillierende Farbschichten, mäandernde Buchstabenreihen, leuchtende Pfeile und Balken … In seinen Werken der 1950er und 1960er erforscht Gastone Novelli das unendliche Universum der Zeichen, so auch in „Con un segnale“,  das am 25. November 2020 zur Auktion gelangt.

Gastone Novelli
Gastone Novelli, 1965, Photograph by Marina Lund, Courtesy Archivio Gastone Novelli

Gastone Novelli war vieles: Widerstandskämpfer, Politikwissenschaftler, Weltenbummler, vor allem aber einer der wichtigsten Protagonisten der italienischen Kunst der 1950er- und 1960er-Jahre. 1925 in Wien geboren, führte ihn sein abenteuerlicher Lebensweg zunächst nach Rom, wo er sich 1943 der Resistenza anschloss und im Gefängnis landete. Nach Kriegsende lebte er in Florenz und Brasilien, setzte sich anfangs mit den neokonstruktivistischen Theorien Max Bills und später intensiv mit der Geometrischen Abstraktion auseinander. Nach seiner Teilnahme an der Biennale von São Paolo im Jahr 1953 kehrte er 1955 nach Rom zurück.

Ab 1957 kehrte Novelli dem geometrisch abstrakten Stil nach und nach den Rücken, um sich der gegenständlichen Malerei zuzuwenden. Nun griff er linguistische Themen auf, wie viele seiner Zeitgenossen: Vom Kunstgeist der 1950er-Jahre beseelt, ließen sie von der Geometrischen Abstraktion ab und entdeckten das irrational Impulsive der willkürlichen Form- und Farbgebung.

Sprache und Semiotik

In den 1960er-Jahren setzte sich Novelli intensiv mit Sprache und Semiotik auseinander, las mit Leidenschaft die Werke Ferdinand de Saussures. Er erweiterte Saussures Konzept der Arbitrarität des Zeichens, die auch der Interpretation von Kunstwerken zugrunde liegt, denn für ihn beruhte die Kunst ebenso wie das sprachliche Zeichen auf der arbiträren, also nicht naturgegebenen Beziehung zwischen dem Bezeichnenden (Ausdruck, Signifikant) und dem Bezeichneten (Gegenstand, Signifikat).

Ab den 1960er-Jahren kam den schier unendlichen Möglichkeiten des grafischen Zeichens eine zentrale Rolle in Novellis Arbeiten zu. Das Zeichen wurde unaufhörlich zerlegt und wieder zusammengesetzt, sprang im fortwährenden, oft interpretativ fordernden Spiel des sprachlichen Experimentierens von einer semantischen Ebene zur nächsten. Ein Merkmal der Arbeiten Novellis war die geradezu obsessive Wiederholung eines oder mehrerer Buchstaben auf schachbrettartigen Rastern oder in freier Verteilung über die gesamte Fläche des Blattes beziehungsweise der Leinwand.

Gastone Novelli, Con un segnale, 1960, Bleistift, Öl und Mischtechnik auf Leinwand, 60,5 x 70 cm, € 65.000 – 85.000
Gastone Novelli, Con un segnale, 1960, Bleistift, Öl und Mischtechnik auf Leinwand, 60,5 x 70 cm, € 65.000 – 85.000
Künstlerisches Alphabet

In den 1960er-Jahren bediente Novelli sich der Themen, Zeichen und Wörter diverser Kontexte und fügte sie als Versatzstücke seinem künstlerischen Alphabet bei – so wie Marcel Duchamp es mit seinen vorgefundenen Alltagsgegenständen tat. Beide Künstler zeigten tiefes Interesse an Sprachspielen und der Möglichkeit, Wort- und Bild­ebene zu verbinden. Die dadaistischen und surrealistischen Einflüsse sind unverkennbar, wo Novelli lange Wortsequenzen ohne Leer- und Satzzeichen auf die Leinwand brachte, sich über Regeln des Satzbaus hinwegsetzte und Rede ohne Atempausen wiedergab. All das trifft ebenso auf „Con un segnale“ zu, das bei der nächsten Auktion Zeitgenössische Kunst im Wiener Palais Dorotheum zur Versteigerung kommt: Darin vermischt sich der Symbolwert scheinbar willkürlicher Zeichen mit Novellis Sprachspielerei und Experimentierfreude.

AUKTION

Zeigenössische Kunst, 25. November 2020
Palais Dorotheum, Dorotheergasse 17, 1010 Wien

20c.paintings@dorotheum.at
Tel. +43-1-515 60-358, 386

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