Contemporary Week: Günther Uecker

MAGIE UND MEDITATION

Mit Günther Ueckers „Kopf“ kommt am 25. November 2020 in der Auktion Zeitgenössische Kunst ein Frühwerk auf den Markt, das im Werkverzeichnis Dieter Honischs als Nummer 1 angeführt ist. Eine Frauenbüste, umfangen von Nägeln – brutal schön.

Günther Uecker © Lothar Wolleh Estate, Berlin

Bei Uecker könnte man von einer Kunst, um die Kunst zu verlassen, sprechen, weil auch Günther Uecker die Kunst nicht als das Ergebnis seiner Arbeit begreift, sondern eher als Handlungsspielraum oder als Rahmenbedingung seiner Existenz“, so Dieter Honisch im 1983 erschienenen Werkverzeichnis des Künstlers.

1930 in Wendorf, Mecklenburg, geboren, begann Günther Uecker seine künstlerische Ausbildung 1949 mit dem Studium der Malerei in Wismar. Danach ging er an die Kunstschule in Berlin-Weißensee, um schließlich bei Otto Pankok an der Kunstakademie Düsseldorf zu studieren, an der er später selbst als Professor lehren sollte. Uecker gilt neben Heinz Mack und Otto Piene als Begründer der ZERO Gruppe, die für einen Neuanfang der Kunst gegen das deutsche Informel steht. Sein vielfältiges Œuvre umfasst unter anderem disziplinübergreifende Malerei, Objektkunst, Installationen sowie Bühnenbilder und Filme.

Nagelbilder

Ueckers Werke stellen als Ganzes eine Einheit dar. Dabei steht jede Arbeit nicht nur für sich, sondern beinhaltet bereits auch das nächste und darüber hinaus alle vergangenen Werke. So ist jedes Objekt eine Repräsentation seines Œuvres – und zugleich auch nicht. Wer sich mit Günther Uecker auseinandersetzen möchte, kann nicht auf klassische kunsthistorische Analysen zurückgreifen, sondern muss sich seinem komplexen Opus stellen. Die Summe der Werke verharrt in ihrer Form und steht damit dem dynamischen Fortschritt unserer Gesellschaft gegenüber. Das Beharren und Insistieren Ueckers ist ein Handlungsritual, das sich auf das Leben und die Realität bezieht. Die natürliche
Wiederholung des Hämmerns und die Verwendung von Nägeln dienen ihm als meditatives Ritual und transformieren seine Theorien in eine gelebte künstlerische Praxis. Der Effekt der Reliefstruktur wird dabei durch das Spiel von Licht und Schatten verstärkt. Seine von ihm als solche bezeichneten „Nagelbilder“ schafft er seit über 50 Jahren. Uecker schlug die Nägel nicht ausschließlich in Leinwände, sondern unter anderem auch in Türrahmen, Stühle, Schuhe, Fernsehgeräte und Schallplattenspieler.

Günther Uecker, Kopf, 1955/56, signiert Uecker, Nägel auf Holz, 60 x 34 x 38 cm, € 300.000 – 400.000
Günther Uecker, Kopf, 1955/56, signiert Uecker, Nägel auf Holz, 60 x 34 x 38 cm, € 300.000 – 400.000
„Kopf“

Die Arbeit „Kopf“ nimmt in Ueckers Œuvre allein durch ihre Position – im Werkverzeichnis von Dieter Honisch ist sie als Nummer 1 angeführt – eine besondere Stellung ein, verweist aber bereits auf die für den Künstler charakteristische Verwendung handelsüblicher Nägel. Banale Alltagsgegenstände hat Uecker häufig mit Nägeln beschlagen, für dieses Werk wählte er ein außergewöhnliches Medium: einen alten Holzbalken, der nach Ueckers Auskunft einer abgerissenen Scheune aus seiner Heimat entstammt. Daraus fertigte Uecker eine Skulptur, eine Frauenbüste, die seine Schwester
Rotraut darstellen soll. Sie entstand 1955. 1953 hatte Uecker die DDR verlassen, um nach Westberlin zu übersiedeln, zwei Jahre später begann er sein Studium an der Kunstakademie Düsseldorf. Im selben Jahr, 1955, kehrte er in die Heimat zurück, um seine Schwester zu holen.

Auf den ersten Blick erinnert die Figur nicht unbedingt an eine Darstellung seiner Schwester, sondern erlaubt, ausgelöst durch die Auseinandersetzung einiger westlicher Künstler mit afrikanischer Stammeskunst, eine Assoziation an eine deutsche Interpretation indigener Figuren. Darauf deuten insbesondere die Formulierung von Nase und Mund sowie der langgezogene Korpus der Protagonistin hin. Die Skulptur erinnert in ihrer Darstellung an afrikanische Nagelfetische, bei denen die Figuren ebenfalls mit Nägeln übersät werden. Primär soll der Nagelfetisch vor bösem Zauber oder Krankheiten schützen.

Die Oberfläche der Holzfigur ist allumfassend in gleichmäßigen Abständen mit Nägeln beschlagen. Die daraus resultierende zweite Ebene überdeckt, je nach Blickwinkel, Bereiche der Holzoberfläche. So lässt sich die Büste in ihrer Gesamtheit erst durch die Rotation sowie das Senken und Heben des Kopfes vollständig erfassen. Schlussendlich bleibt es dem Betrachter offen, in dem Werk Ueckers eine Affinität zur afrikanischen Stammeskunst zu erkennen. Intendiert ist diese allerdings nicht.

„Neben Uecker muß man hier besonders an Yves Klein denken, an Newman, Rothko, Ad Reinhardt oder Beuys. Ihre Werke erhalten ihre besondere Kraft nicht allein aus der Form, sondern zudem aus der Intensität, mit der sie für uns alle offen und damit zugänglich für unsere eigenen Empfindungen gehalten werden. Ihre besondere Qualität liegt gerade in dieser visionären Offenheit, in dieser fragenden und von einem starken Glauben getragenen Suche, ihrer Unfähigkeit auch, naheliegende Antworten und fertige Rezepte zu geben“, schreibt Dieter Honisch im Werkverzeichnis.

Unabhängig von der Deutung der Arbeit steht fest, dass es sich bei dem Frühwerk „Kopf“ trotz der für Uecker charakteristischen Verwendung handelsüblicher Nägel um eine ganz besondere Arbeit in seinem Œuvre handelt.

AUKTION

Zeigenössische Kunst, 25. November 2020
Palais Dorotheum, Dorotheergasse 17, 1010 Wien

20c.paintings@dorotheum.at
Tel. +43-1-515 60-358, 386

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