Auktion Klassische Moderne: Aus dem Spätwerk von Egon Schiele

ZWISCHEN GEFÜHL UND VERSTAND

Egon Schiele zählt zu den weltweit bedeutendsten Vertretern der modernen Kunst. Seine ausdrucksstarken Akte und Porträts, sein ungeschönter Blick auf Menschen, Städte und Landschaften prägen das Bild des österreichischen Expressionismus. „Frau mit erhobenen Armen“ stammt aus der späteren Phase seines Schaffens und gelangt am 26. November 2019 im Dorotheum zur Auktion.

Jane Kallir, internationale Schiele Expertin und Verfasserin des Werkverzeichnisses, analysiert „Frau mit erhobenen Armen“ aus Schieles späterer Schaffensperiode. In besonderer Weise dokumentiert es das Ringen des Künstlers um eine neue (Lebens-)Form in einer entscheidenden Phase seines Lebens.

von JANE KALLIR

Egon Schiele, Frau mit erhobenen Armen, 1914, (Kallir 273/Leopold 250/Natter 156), Gouache, Aquarell, Bleistift auf Papier, 48,5 x 32,3 cm, Kallir D. 1539a, Schätzwert € 900.000 – 1.600.000, Auktion Klassische Moderne, 26. November 2019

Egon Schiele erlebte 1914 eine Reihe wichtiger Übergänge, sowohl beruflich als auch persönlich. In Heinrich Böhler fand er einen wichtigen neuen Gönner, einen Kunstliebhaber, der nicht nur Schieles Werke kaufte, sondern ihn auch als privaten Kunstlehrer engagierte. Die beiden malten zusammen, Böhler bezahlte alle Materialien und Modelle. Heinrichs Cousin, Hans Böhler, ein Künstler von Format, beauftragte Schiele mit einem Bildnis seiner Freundin Friederike Maria Beer. Und gegen Ende 1914 fand Schiele in Guido Arnot einen Wiener Händler, der bereit war, ihm eine Einzelausstellung zu widmen. Mit einem Seufzer der Erleichterung konnte der Künstler seiner Mutter schreiben: „Ich habe die Empfindung, daß ich endlich aus der unsicheren Existenz heraus bin.“

Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs im August 1914 brachte für Schiele kaum unmittelbare Auswirkungen mit sich: Er hatte einen angeborenen Herzfehler und wurde zunächst vom Militärdienst befreit. Die Hochzeit seiner Lieblingsschwester Gerti im November mit seinem besten Freund, dem Künstler Anton Peschka, hatte eine direktere emotionale Wirkung. Als Schiele darüber nachzudenken begann, sesshaft zu werden, entschied er sich leider, dass seine langjährige Partnerin Wally Neuzil keine gesellschaftsfähige Ehefrau sein würde. Stattdessen begann der Künstler mit den beiden Schwestern Adele und Edith Harms, die gegenüber seinem Atelier an der Hietzinger Hauptstraße wohnten, zu liebäugeln. Wally fand sich nun in der sicherlich qualvollen Rolle der Anstandsdame.

Schieles Ambivalenz gegenüber der Trennung von Wally, um eine für ihn besser geeignete bürgerliche Ehefrau zu finden, durchdringt einen Großteil seines Werkes des Jahres 1914. Im Gegensatz zu den zerbrechlichen Figuren seiner früheren Zeichnungen und Aquarelle zeigen Schieles Akte von 1914 erblühte, stärker geformte Frauen. Doch während seine früheren Modelle eine spürbare menschliche Präsenz hatten, neigte der Künstler 1914 dazu, die weibliche Figur vor allem formal zu betrachten. Durch eine Kombination aus emotionaler und stilistischer Distanz sublimierte er gleichzeitig seine eigenen sexuellen Gefühle und entschärfte die erotische Intensität seiner Arbeit.

Die „Frau mit erhobenen Armen“ zeigt die für Schieles Zeichnungen aus dem Jahr 1914 typische Stilisierung. Ihr Gesicht ist eine augenlose Maske und dem Subjekt fehlt jede konkrete Identität. Das Werk kann lose auf den späten Frühling oder Frühsommer datiert werden, da es in Beziehung zu mehreren ähnlichen Gouachen (K. D. 1538, D. 1539, D. 1540 und D. 1541) und der Kaltnadelradierung „Hockende Frau“ (K. G6) steht. In dieser Zeit waren Schieles Zeichnungen von einer Art Skarifikation geprägt, die hier in den stichartigen Strichen entlang der Rückseite der Figur und in den Falten ihres Hemdes zu sehen ist. Die Schraffierung wird typischerweise von Druckgrafikern verwendet, um Volumen anzudeuten. Ob Schieles Verwendung der Technik sich aus seiner Erfahrung mit Kaltnadelradierungen ergibt oder ob umgekehrt seine zeitgenössischen Zeichnungen seinen Umgang mit Druckgrafik beeinflusst haben, ist freilich unklar.

Egon Schiele, Seitlich liegendes Mädchen mit hochgestreiftem Rock, 1912, Aquarell, Bleistift auf Papier, 31,6 x 48,6 cm, Schätzwert € 400.000 – 600.000, Auktion Klassische Moderne, 26. November 2019

Schieles unregelmäßige Linienführung hat den paradoxen Effekt, die Plastizität der „Frau mit erhobenen Armen“ zu erhöhen. Die abstrakten Segmente des Hemdes suggerieren Volumen, ebenso wie die abgerundeten Konturen der Gliedmaßen der Figur. Mit dem relativ trockenen Medium der Gouache umrandet Schiele die Hauptformen mit einer leichten braunen Unterlasur, die er mit kräftigen Akzenten in Rot und Grün überlagert. Die Farbe, die das Haar der Frau definiert, wird subtil manipuliert und geritzt, um eine greifbare Substanz hervorzurufen.

Das auffällige Volumen bei „Frau mit erhobenen Armen“ steht in scharfem Kontrast zur durchschlagend zweidimensionalen Behandlung der Bildebene. Die Figur ist wie ein Schmetterling gegen das flache Blatt gedrückt, und die Signaturposition erzeugt ein bewusstes Gefühl der räumlichen Versetzung. Obwohl das Modell wahrscheinlich auf einer niedrigen Matratze hockte, betrachtete Schiele es von oben und unterschrieb das Blatt entsprechend vertikal. Anstatt einen realen Raum zu besetzen, befindet sich die „Frau mit erhobenen Armen“ in einem von Schiele geschaffenen künstlerischen Bereich. Die Spannung zwischen konventionellem Realismus und diesem in sich geschlossenen künstlerischen Bereich war das ästhetische Gegenstück zu einem anhaltenden persönlichen Konflikt Schieles mit der Gesellschaft.

Schiele würde diesen Konflikt in den verbleibenden Jahren seines kurzen Lebens schrittweise lösen. 1915 wurde er zum österreichischen Heer eingezogen, und kurz vor seiner Einberufung heiratete er seine bürgerliche Nachbarin Edith Harms. Das Experimentieren mit der abstrakten Form der „Frau mit erhobenen Armen“ wich allmählich einer ruhigeren und realistischeren Darstellung. Schieles Spätwerk kann außerordentlich schön sein, hat allerdings seine frühere Radikalität verloren.

INFORMATIONEN zur AUKTION

Auktionsdatum: Auktion Klassische Moderne, 26. November 2019, 17.00 Uhr

Auktionsort: Palais Dorotheum, Dorotheergasse 17, 1010 Wien

Besichtigung: 16. November 2019 –26. November 2019

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