Auktion Zeitgenössische Kunst: Carla Accardi & Antonio Sanfilippo

Künstlerliebe

Carla Accardi und Antonio Sanfilippo: Die beiden aus Sizilien stammenden Künstler standen einander nahe – wie in der Liebe so in der Kunst. Ihre „anti-malerische“ Ästhetik im Spannungsfeld von Form und Farbe, von Kontrast und Umkehrung brach mit der traditionellen Malerei und machte die beiden zu bedeutenden italienischen Vertretern einer internationalen „art autre“, einer anderen Kunst.

Internationalisierung der italienischen Kunstszene

In der ersten Hälfte der 1950er-Jahre wurde der Grundstein für die Internationalisierung der italienischen Kunstszene gelegt: Italienische Galeristen gastierten immer öfter mit Ausstellungen im Ausland, Venturi hielt Vorträge über die New Yorker Avantgarde und die ersten Fotos von Jackson Pollock beim Anfertigen seiner Drip Paintings begeisterten die internationale Kunstwelt. Diese bewegte Epoche war prägend für die Laufbahn der beiden sizilianischen Künstler Antonio Sanfilippo und Carla Accardi, die nach Palermo zogen, um an der Accademia di Belle Arti zu studieren. Nach einer ersten Begegnung an der Universität kreuzten sich ihre beruflichen und privaten Wege immer wieder; so entstand eine enge Freundschaft, die stets aber auch von tiefer persönlicher Rivalität überschattet war. In der Folge kehrten Sanfilippo und Accardi Palermo den Rücken und studierten in Florenz weiter, übersiedelten 1946 schließlich nach Rom, wo sie heirateten und sich der Forma-Gruppe anschlossen.

Carla Accardi Integrazione n. 2, 1957, Kasein auf Leinwand, 63 x 88 cm Schätzwert € 75.000 – 100.000

ein Experimentier- und Reifungsprozess

Von 1950 bis 1960 unterliefen beide Künstler einen nachhaltigen Experimentier- und Reifungsprozess. Davor hatte Carla Accardi sich in der konkreten Malerei versucht. Ab 1953 schlug sie eine neue Richtung ein, in deren Mittelpunkt die Poesie des Zeichens stand. Sie blieb zunächst noch dem Konzept der Gegenständlichkeit treu und arbeitete vorwiegend mit erdfarbenen Schattierungen. In den folgenden Jahren entwickelten sich daraus im schlichten Wechsel von Weiß und Schwarz arrangierte Bildkompositionen, denen bisweilen Rot beigefügt war. Fotografien zeigen Accardi oft auf dem Boden oder auf dem Tisch arbeitend, niemals aber an einer Staffelei; schließlich sollten sich die Zeichen auf der Leinwand grenzenlos ausbreiten können, frei ineinanderfließen oder auseinanderstreben und keinerlei räumlicher Beschränkung unterliegen. Das ist besonders gut an einer Arbeit aus den späten 1950er-Jahren zu beobachten, die das Dorotheum am 24. Juni zur Auktion bringt: Durch den Dialog von Einzelelementen entsteht ein Kraftzentrum, dem wiederum mysteriöse, zweidimensional-abstrakte Schriftzeichen entspringen; darin ist die räumliche Distanz zwischen Hintergrund und Zeichen aufgehoben. Auch Sanfilippo löste sich in seinen lebendigen, gestischen Bildern von der Strenge der geometrischen Formen seines Frühwerks. „Nach einer picassoesk-neokubistischen Phase infolge mehrerer Parisaufenthalte wandte Sanfilippo sich zunächst der konkreten Malerei Magnellis zu, dann jener von Hartung und Kandinsky. Durch sie entwickelte er das ihm eigene, fröhliche Zeichen, das zugleich einzigartig und den Zeichen Carla Accardis und Capogrossis doch nicht unähnlich war – ein Zeichen, das ihn mit der Bildsprache der ,art autre‘ (anderen Kunst) des Michel Tapié verband; ein Zeichen, mit dem er Mitte der 1950er-Jahre das Erbe des Informel antrat; das Zeichen als dominantes Narrativ der europäischen Kunstszene. In jener Epoche entwickelte Sanfilippo seine charakteristische ‚Figur‘ – eine Art Wolke oder Galaxie aus winzigen bunten Zeichen. Für sie war er bald international bekannt, seine Arbeiten waren in etlichen Ausstellungen in Italien und im Ausland zu sehen.“ (Fabrizio D’Amico)

Antonio Sanfilippo Ohne Titel, 1960, Tempera auf Leinwand, 81 x 54 cm Schätzwert € 24.000 –32.000

malerischer Höhepunkt

In der zweiten Hälfte der 1950er-Jahre zeichnete sich in Sanfilippos Arbeiten bereits eine Entwicklung ab, die im folgenden Jahrzehnt ihren Höhepunkt finden sollte. Ein für diese Epoche typisches Werk aus dem Jahr 1960 wird bei der nächsten Dorotheum-Auktion Zeitgenössische Kunst versteigert. Darin sind die bunten Formen, die nun den Pinselstrich erkennen lassen, nicht mehr syntaktisch miteinander verbunden. Sie erscheinen vielmehr frei beweglich und von kurzen Pausen weißer Stille durchsetzt. Sanfilippos Zeichen sind jedoch nie vom Zufall bestimmt. Bereits 1956 schrieb er: „Seit vier Jahren verwende ich in meinen Arbeiten fast ausschließlich grafische Zeichen auf der Oberfläche. Durch die große Unmittelbarkeit und das Tempo entsteht ein Ganzes, das nicht zufällig oder beliebig ist, sondern einer gewissen formellen Gesetzmäßigkeit folgt. Die Form ergibt sich aus der Anhäufung von Zeichen, die in meinen Bildern stark variieren können, die sich nicht wiederholen oder miteinander verbunden sind. Sie sind vielmehr stets eigenständig und beziehen ihre Kraft aus der komplexen und vielfältigen Anordnung.“

Carla Accardi Bianconero, 1991, Vinyl auf Leinwand, 90 x 105 cm Schätzwert € 25.000 –35.000

Die Arbeiten des sizilianischen Künstlerpaars bekamen in den 1950er-Jahren großen Zuspruch vom Kunstkritiker und Anhänger des Informel Michel Tapié, zumal in dessen bahnbrechenden Publikationen „Esthétique en devenir“ (1956) und „Morphologie autre“ (1960). Er verhalf den beiden zu bedeutenden Ausstellungen an der Seite der namhaftesten US-amerikanischen, europäischen und japanischen Maler und etablierte sie damit als Vertreter der „art autre“.

In den 1950er- und 1960er-Jahren war das Werk Accardis und Sanfilippos gleichermaßen vom Gedanken einer auf Kontrast und Umkehrung basierenden Anti-Malerei beseelt, die die Hierarchie von Form und Farbe, von absolutem und individuellem Blick auf den Kopf stellte und von der traditionellen Malerei abrückte. Beide behielten ihren jeweiligen Stil bei: Sanfilippo mit dem kleinen Zeichenfragment, das sich über die gesamte Leinwand fortpflanzt, und Accardi mit der auf einen Kern zustrebenden Energie, die den Rand der Bildfläche als Hintergrund erscheinen lässt. Dennoch bleibt im Werk beider Künstler der Bezug jedes einzelnen Zeichens zu anderen Zeichen bestehen. So entsteht eine Struktur, deren Bedeutung und künstlerischer Ausdruck sich aus der Gesamtheit der Zeichen ergibt.

INFORMATIONEN zur AUKTION

Contemporary Art auction, 24. Juni 2020
Palais Dorotheum, Dorotheergasse 17, 1010 Wien

20c.paintings@dorotheum.at
Tel. +43-1-515 60-358, 386

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