Anish Kapoor: Vom Schwindelgefühl am Rande des Nichts

Anish Kapoors ‚Pouch‘ erzielte EUR 337.136 ,- bei der Dorotheum Auktion “Zeitgenössische Kunst” am 01.06.2016.

Anish Kapoors Einfluss zieht sich durch die zeitgenössische Kunst wie ein roter Faden und bildet ein Netz, welches für den Betrachter kaum zu durchdringen ist. Zumindest versuchen muss man es – entweder das, oder man wird unwillkürlich von der Leere, der ominösen Falltür, die Kapoors Arbeit zwischen jeden Schritt des Betrachters setzt, verschlungen.

Anish Kapoor "Sectional body preparing for monadic singularity" sculpture
Anish Kapoor, „Sectional body preparing for monadic singularity“; Jean-Pierre Dalbéra, CC

„Meine Werke sind Löcher im Boden, die unmittelbar ein Gefühl des freien Falls auslösen, wobei dies nicht zwingend abwärts-fallen bedeutet, sondern auf sonderbare Weise ebenso auf einen Horizont oder nach oben hin ausgerichtet sein kann. Der immanente Schwindel, die Orientierungslosigkeit steht dabei jedoch im Zentrum.“ (Übersetzt aus dem englischen Originalinterview A Conversation. Anish Kapoor. Marsyas, London: Tate Publishing, 2002, p.62.)

A Conversation. Anish Kapoor with Donna de Salvo, Anish Kapoor. Marsyas, London: Tate Publishing, 2002, p. 62.

Ein Stern geht auf

Als Sohn von Punjabi und Irakisch-Jüdischen Eltern der zweiten Generation, wuchs Anish Kapoor in den lärmenden und verschmutzten Straßen von Mumbai auf. In den 70ern ließ er jedoch sein Heimatland hinter sich und besuchte eine Londoner Kunstschule (1973-77; 1977-78). Nach seiner Rückkehr nach Indien 1979, nimmt er jedoch sein Land mit anderen Augen wahr. Ein neuentdecktes Verständnis  und Wertschätzung für spannende architektonische Formen und satte Pigmente verfestigten sich in seiner Arbeit. Den Anfang machte die Serie 1000 Names. Diese zwischen 1979 und 1980 entstandene  Serie besteht aus organisch-geometrischen Formen, umhüllt von einer Schicht pulverigen, körnigen Pigments, das sich von den Objekten auf die umliegenden Oberflächen ergießt.

In den 80er- und 90er Jahren arbeitet Kapoor an biomorphen Installationen und Skulpturen aus verschiedenen Materialien wie Stein, Aluminium und Harz, die die Wahrnehmung verändern und der Schwerkraft scheinbar trotzen.

Leerfeld

Bei der plastischen Installation Void Field, mit welcher Kapoor 1990 Großbritannien auf der Biennale in Venedig  vertrat, bilden  vier, mit schwarzen Löchern versehenen, zerklüfteten Sandsteinblöcken aus Northumbria ein enigmatisches Netz. Ein Jahr später gewann Kapoor den begehrten Turner Preis für herausragende zeitgenössische Kunst und verbrachte den Rest der Dekade, damit die Idee der Leerstelle, des Nichts, weiter zu bearbeiten. Dabei schaffte Kapoor Konstruktionen die im Boden verschwanden, sich in Wände zurückzogen und die Tiefenwahrnehmung mit jedem Blick drastisch verschoben.

Anish Kapoor's "Eyes Turned Inward" (1993) at the Centro Cultural de Belém in Lisbon; Photo: Bosc d'Anjou via CC
Anish Kapoor, „Eyes Turned Inward“ (1993), Centro Cultural de Belém, Lisbon; Bosc d’Anjou, CC

Von der Leerstelle zum Schwindelgefühl

Den Betrachter mit dem metaphysischen Nichts und damit mit dem Konzept der Leerstelle zu konfrontieren, ist dem Künstler jedoch nicht genug. Kapoor geht einen Schritt weiter. Er setzt das Nichts an genau jenen Ort, wo es sicher ein ganz bestimmtes sensorisches Erlebnis im Betrachter auslöst – nämlich die Wahrnehmung von Bewegung.  Hineingezogen in Kapoors Arbeit,  mit flauem Gefühl im Magen, ergriffen von Schwindel und benommen von der Verdrehtheit der Welt um sich,  gerät der Betrachter  vom Standpunkt des Zuschauers,  zum involvierten Teilnehmer bis hin zum Besinnungslosen.

Anish Kapoor "Sky Mirror" sculpture at Kensington Park, London photgraphed by Gaius Cornelius
Anish Kapoor, „Sky Mirror“, Kensington Park, London; Gaius Cornelius, CC

Das Schwindelgefühl, erlebt am Rande des Nichts – dies ist der Zustand den Anish Kapoor mit seinem Werk im Betrachter hervorrufen will. Seine Suche nach dem Intimen und Außergewöhnlichen startet mit dem Modernen, dem Mechanischen und dem Wissenschaftlichen. Greifbare, reflektierende Materialen, die in sich divergent sind, werden bis zum Äußersten getrieben. Fusionierende Gegensätze verrücken den Raum, erzeugen Desorientierung und lassen den Boden unter den Füßen verschwinden.

Dies Gefühl wird auch mit der herausragenden Skulptur Pouch von Anish Kapoor erzeugt, welche als Lot Nr 617 in der Dorotheum Auktion Zeitgenössische Kunst, Teil 1, am 1. Juni 2016 versteigert wird.

Wie es Kapoor entspricht, ist Pouch pure, grundlegende Röte. Auf die Frage, warum er so auf die Farbe Rot stehe, antwortete Kapoor 2013 in einem Interview mit Heike Fuhlbrügge: „Ich arbeite seit so vielen Jahren mit der Farbe Rot. Ich denke es hat mit der Tatsache zu tun, dass sie biologisch ist. Dass wir uns selber in der Farbe Rot lesen … Rot hat im Gegensatz zu Schwarz zusätzlich eine Qualität von Innerlichkeit“.

Abstrakte Thesen beiseite ­– Pouch vereinigt Innen- und Außenleben in sich zu einem einzigen feuerroten Ganzen. Das Werk inszeniert einen nahtlosen Übergang von abgeschlossener Masse zu leerer Form.  Was von einer Seite als horizontale Ausbuchtung wahrgenommen werden kann, wirkt von der anderen wie ein Portal zu einem mystischen Ort, dessen ungeheures Ausmaß den Betrachter verschlingt – Schwindelgefühl inklusive.

Die Grenze zwischen Skulptur und Gemälde verliert sich in einem schwindelerregenden freien Fall in die Unendlichkeit des Rot.

Anish Kapoor, Pouch, sculpture in red fibreglass
Anish Kapoor, Pouch, (2006)

Lassen Sie sich fallen in Anish Kapoors Pouch im Dorotheum am 1. Juni 2016.

When: 1 June, 2016; 6 pm

Where: Palais Dorotheum Wien

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Tel +43-1-515 60-570, Fax -489
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