Anish Kapoor in Houghton Hall

Spiegel der Ewigkeit

Er dekonstruiert und transformiert Räume: Anish Kapoor, einer der gefeiertsten Bildhauer der Gegenwart, versetzt den britischen Landsitz Houghton Hall mit Skulpturen und Spiegeln in einen Dialog zwischen Kultur und Natur, zwischen  Natürlichem und Künstlichem, zwischen Ordnung und Zufall. Die vom Dorotheum gesponserte Schau versammelt Arbeiten aus 40 Jahren.

Houghton Hall

Die Ausstellung in Houghton Hall in der englischen Grafschaft Norfolk zeigt eine neue Serie von Spiegeln und Skulpturen von Anish Kapoor, einem der einflussreichsten und am meisten gefeierten Künstler der Gegenwart. Houghton Hall wurde in den 1720er-Jahren im palladianischen Stil für Sir Robert Walpole, den ersten Premierminister Großbritanniens, errichtet. Die monumental-historischen Innenräume des herrschaftlichen Anwesens bilden den Rahmen für Kapoors Arbeiten; in der eindrucksvollen, im frühen 18. Jahrhundert von Charles Bridgeman gestalteten Parkanlage sind Steinskulpturen und der ikonische „Sky Mirror“ zu sehen. Der Kontrast und der Dialog zwischen Natur und Kultur, zwischen Natürlichem und Künstlichem, zwischen Zufall und Ordnung sind das Leitmotiv des Barock – jener Epoche, in der Houghton Hall entstand –, und sie sind ebenso ein zentrales Thema im Werk von Anish Kapoor.

Untitled, 2018—20, onyx. Courtesy the artist and Lisson Gallery. Untitled, 1997, Kilkenny limestone. Courtesy the artist. Rectangle Within a Rectangle, 2018, granite. Courtesy the artist and Lisson Gallery.
© Anish Kapoor. All rights reserved DACS, 2020 Photo: Pete Huggins

Reflexionen

Die Verwendung von Spiegeln ist ein wesentliches Charakteristikum barocker Architektur, wie zum Beispiel beim Spiegelsaal von Versailles: Dort reflektieren 17 riesige Spiegel in linearer Fortsetzung die 17 Arkadenfenster, die den Blick auf die Gartenanlage öffnen. So entsteht die für das Barock grundlegende visuelle und konzeptionelle Dialektik zwischen Innen und Außen, zwischen Wirklichkeit und Künstlichkeit, durch die die Beziehung zwischen Betrachter und umgebendem Raum verändert und modifiziert wird. Die Spiegel vervielfältigenden Raum und erzielen damit nicht nur einen Effekt der Desorientierung, sondern schaffen auch neue Möglichkeiten des Sehens und Gesehenwerdens.

Raum und Kunst

Spanish and Pagan Gold to Magenta, 2018.
Courtesy the artist and Lisson Gallery.
© Anish Kapoor. All rights reserved DACS, 2020
Photo: Pete Huggins

In Houghton Hall ersetzt Anish Kapoor die antiken römischen Büsten, die die Stone Hall – wie von William von Kent konzipiert – umgeben, durch bemalte Hohlspiegel mit wechselnder Farbgebung. Damit zerlegt und verformt er den Raum, der zugleich vertraut und verstörend wirkt. Als Porträts der Unendlichkeit reflektieren die Spiegel aber auch das Selbst und führen die eigene Präsenz vor Augen. Sie wecken die narzisstische Dimension des eigenen Ichs. Aber wenn Spiegel dem Betrachter durch den ganzen Raum folgen, kann sich ihre Wirkung steigern und dabei die Zeitwahrnehmung verändern. Die Spiegel fangen einen ewigen Moment ein, wie in einer Fotografie. So wie es Proust in seiner „Suche nach der verlorenen Zeit“ beschreibt: Sie sind beinahe in der Lage, für die Dauer eines Lichtblitzes festzuhalten und statisch wiederzugeben, was nie gänzlich zu erfassen ist – der reine Augenblick. Spiegel haben die Macht, den Körper dessen, der hineinsieht, zu duplizieren und in einen Körper zu verwandeln, der selbst gesehen wird. Der französische Philosoph Maurice Merleau-Ponty schreibt: „Das Trugbild des Spiegels versetzt meinen Körper ins Außerhalb von mir und gleichzeitig kann das ganze Unsichtbare meines Körpers auf alle anderen Körper, die ich sehe, Einfluss nehmen. In der Folge kann mein Körper Teile von Körpern anderer umfassen, so wie meine eigene Substanz wieder in Körper anderer übergehen kann; Menschen sind füreinander Spiegel. Was Spiegel angeht, so sind sie Werkzeuge einer universellen Magie, die die Dinge in Schauspiele, die Schauspiele in Dinge, mich in andere und andere in mich verwandelt.“

Auch Kapoors Arbeiten spielen mit diesen Effekten. Mithilfe von konkaven und konvexen Oberflächen wie Strukturen geben sie uns wieder und verwandeln uns gleichzeitig. Dabei verändern sie unsere Wahrnehmung der Welt, ebenso wie unsere Wahrnehmung in der Welt. Sie unterwandern grundlegend die Proportionen, mit denen wir die Anatomie unseres Körpers ebenso messen wie jene der Dinge, die uns umgeben. Sie zeichnen ein traumartiges Porträt von uns selbst, das jede klar umrissene Vorstellung und Erfahrung dieses Selbst infrage stellt. Kapoors Spiegelobjekte zeichnen das Bild nach und deformieren es dabei – eine Umformung, die das Individuum entweder ausdehnt oder zusammenzieht, gleichsam zum Unendlichen hinführt. Die Objekte bedienen sich des Mittels der Kunst, um menschliche Sehnsucht wiederzugeben und vorübergehend zu betäuben.

Der „Sky Mirror“ (2018) auf dem langen Rasen an der Westseite von Houghton Hall ist ein riesiger konkaver, gegen den Himmel gerichteter Spiegel aus poliertem rostfreien Stahl. Seine Oberfläche reflektiert die ständig wechselnde Umgebung, den Zug der Wolken, das Leuchten der Sterne, die Vogelscharen, das Nichts und die Unendlichkeit, alles und nichts. Es ist eine geheimnisvolle Offenbarung aus Licht und Äther, das Spiegelbild löst sich in eine laufend veränderte und sich verändernde Botschaft auf, seine Stofflichkeit verliert sich in der Grenzenlosigkeit des Himmels.

Stein- und Marmorskulpturen

Sophia, 2003, marble.
Courtesy the artist.
© Anish Kapoor. All rights reserved DACS, 2020
Photo: Pete Huggins

Die Unbestimmtheit von Grenzen und die Unklarheit räumlicher Koordinaten sind auch ein bestimmender Faktor der Stein- und Marmorskulpturen von Anish Kapoor. Mannshoch, organisch und sinnlich-rätselhaft, verankert in der Landschaft und eingebunden in die Architektur und Parklandschaft von Houghton Hall, ragen die Skulpturen hervor wie zeitlose, zwischen Fülle und Leere, Schwerkraft und Bewegung, Präsenz und Spannung gefangene Totems. Die Spannung zwischen Körper und Stofflichkeit scheint von allen Zwängen befreit, wie auch der Mensch auf ewig danach strebt, sich von seiner materiellen Gebundenheit zu befreien. Die Skulpturen wirken zerrissen zwischen angedeuteter Geometrie und dem Korsett der Form einerseits sowie dem Zustand beliebiger Asymmetrie und Formlosigkeit andererseits.

Tiefe und Schatten,
der Zustand der Aufgehobenheit

Die häufigen Aushöhlungen in den Skulpturen Kapoors heben Leere und Schatten auf dieselbe visuelle und semantische Ebene wie die Fülle. Sämtliche Hierarchien von mehr oder weniger vorhandener physischer Greifbarkeit sind fließend, auf den Kopf gestellt oder überhaupt aufgehoben. Ein Zustand der Aufgehobenheit entsteht, wo sich Objekte über ihre bloße Objekthaftigkeit erheben. Absenz und Leere nehmen physische Eigenschaften an, Materie hingegen wird vergeistigt. Die Tiefe der Hohlräume, die die Arbeiten zeigen, kann mit räumlichen Begriffen nicht entschlüsselt, aber doch durch ihre Wirkung auf den Betrachter erfasst werden. Sie sind für immer in den Schleier der Unermesslichkeit gehüllt, vermitteln einen Zustand dämmernder Verwandlung, der über die bloße Kontemplation eines Augenblicks der Transzendenz hinausgeht. Die Aushöhlungen bilden ein dynamisches System, in dem die Materie und der Blick von einem ins Innere gekehrten Strudel verschlungen werden. Ihr Fluchtpunkt verweilt noch in der Schwebe, bevor er sich auf seinem Weg in die Unendlichkeit in nach vor und zurück strahlende Wogen auflöst. Noch deutlicher ist dieser Prozess an zwei Arbeiten zu beobachten, die in der neuen Galerie in Houghton Hall zu sehen sind: „Wounds and Absent Objects“ (1996) und „Not Eve“ (1989). Die Erfahrung des Betrachters führt hier in einen Abgrund, in dem sich der Blick nur verlieren kann, gleichzeitig fühlt er sich umgeben und angezogen von einer Reihe von Bezügen, die individuelle Erinnerung und kollektives Gedächtnis verschmelzen lassen. Die Aushöhlungen vereinen sich zu einem ewigen Strom, zu einer Manifestation der Dunkelheit, von Eros, Geburt und Tod sowie den undurchdringlichen Mysterien, die sie begründen. Die Sinne geraten ins Wanken, während sie in ein Zentrum hineingesogen werden. Sie betreten das Unbekannte, das Unergründbare und loten die Tiefen des Unsichtbaren aus. In jedem Schöpfungsmythos ist der Abgrund der Ursprung jeglicher Entstehung. Im Abgrund verliert sich die Gegenwart, entspringt die Ewigkeit. Im Altgriechischen und im Lateinischen bedeutete der Abgrund einen Zustand ohne Höhen und Tiefen, einen Zustand der Gestaltlosigkeit, der jeder Form von Festigkeit und Beständigkeit zum Trotz Wandel und Evolution hervorbringt. Höhe, Breite und Tiefe verdichten sich zu einem Kontrapunkt von volumetrischer Präsenz und Unzugänglichkeit, von Hypnose und schwindender Vorstellung. Sie lösen sich durch Verschwinden und Widerspruch auf im Atman, im Lebensatem, der voll Licht und Dunkelheit ist, im innersten Wesen jedes Menschen und jedes Dinges, im universellen Bewusstsein.

Mario Codognato war Chefkurator von MADRE, dem neuen Museum für zeitgenössische Kunst in Neapel, und Chefkurator des 21er Hauses in Wien. Aktuell ist er Direktor der Anish Kapoor Foundation.

AUSSTELLUNGSTIPP

Anish Kapoor in Houghton Hall
12. Juli – 1. November 2020

www.houghtonhall.com

Anish Kapoor

gilt als einer der weltweit bedeutendsten Bildhauer seiner Generation. Berühmt sind die großen, spektakulären Installationen des 66-Jährigen im öffentlichen Raum, unter anderem die als „Wahrzeichen“ der Olympischen Spiele in London 2012 geschaffene Arbeit „Orbit“ oder „Dirty Corner“ in Versailles 2015. Die abstrakt-poetischen Skulpturen des in London lebenden britisch-indischen Künstlers sind meist als Serien konzipiert. Sie korrespondieren stets mit der gegebenen Örtlichkeit und beziehen den Betrachter mit ein – seien es die Konvex- und Konkav-Spiegel, die Oberflächen und Umgebung verzerren, verschlucken oder reflektieren, seien es die großformatigen Sandsteinskulpturen. „My art is upside down and insideout“, sagt Anish Kapoor. Zu seinen Werkkomplexen zählen Arbeiten aus mit roten Pigmenten angereichertem Wachs, die man als zeitgenössische Reverenz an alte Kulturen verstehen kann. In Österreich erregte Kapoor 2009 mit der Installation „Shooting into the corner“ im Museum für angewandte Kunst Aufsehen, bei der mittels Katapults vorgefertigte Wachsgeschosse an die Museumswand geschossen wurden. Die so im Lauf der Ausstellung entstehende Skulptur wuchs auf ein Gewicht von 20 Tonnen an.

Kapoor, der 2013 zum Ritter geschlagen wurde und seither den Titel Sir trägt, war Großbritanniens Vertreter bei der 44. Venedig Biennale 1990, erhielt 1991 den Turner-Preis und stellte 1992 auf der documenta IX aus.

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