Gustav Klimt: Sehnsucht wie noch nie

Die Sommerfrische am Attersee verkörpert auf unvergleichliche Art das Lebensgefühl des frühen 20. Jahrhunderts. Auch für Gustav Klimt und die Familie Flöge war sie alljährlicher Fixpunkt. Zwei Korbsessel sind ein besonderes Zeugnis jener Zeit. 

„Ich sehne mich hinaus wie noch nie“ – die auf einer Ansichtskarte an Emilie Flöge formulierte Sehnsucht Gustav Klimts, niedergeschrieben am 1. August 1901, sollte schon bald erfüllt werden. Ein Jahr zuvor war er erstmalig gemeinsam mit Familie Flöge der Einladung der Familie Paulick gefolgt, in Seewalchen am Attersee den Sommer zu verbringen. Die verwandtschaftlichen und freundschaftlichen Beziehungen zwischen den Familien führten die Flöges, Paulicks und Klimt bis in das Jahr 1916 immer wieder an den Attersee, einen Treffpunkt zahlreicher Intellektueller und Künstler.

Zwei Korbsessel, die von Gustav Klimt und Emilie Flöge u. a. im Garten vor der Villa Oleander (1908-12) und beim Forsthaus Weissenbach (1914-16) am Attersee verwendet wurden.
Zwei Korbsessel, die von Gustav Klimt und Emilie Flöge u. a. im Garten vor der Villa Oleander (1908-12) und beim Forsthaus Weissenbach (1914-16) am Attersee verwendet wurden. Erzielter Preis € 130.000

Bis 1907 verbrachte Klimt die Sommermonate nicht weit von der Villa Paulick entfernt, im nächstgelegenen Bräuhof von Litzlberg. Der finanzielle Aufschwung des Künstlers und ein größeres Bedürfnis nach Privatheit veranlassten die Familie Flöge und Gustav Klimt, 1908 ihr Sommerquartier von Litzlberg an das noblere westliche Ufer des Attersees zu verlegen. Bis 1912 wohnte man in der Regel von Mitte Juli bis Mitte September in der Villa Oleander in Kammerl bei Kammer. Bereits im ersten Jahr in der Villa Oleander arbeitete Klimt an dem wohl bekanntesten Gesamtkunstwerk, den Brüsseler Werkzeichnungen und Entwürfen für den Fries im Speisesaal des Palais Stoclet. Vorbereitungen und Arbeiten an diesem Projekt zwangen ihn in der folgenden Zeit immer wieder, seine Aufenthalte hinauszuschieben. Zwei Jahre später sah er sich sogar beinahe „zu lebenslänglicher Zwangsarbeit“ verurteilt und befürchtete, gar nicht mehr aufs Land fahren zu können. Es sollte zum Glück doch anders kommen. Ab 1914 wurde das Gästehaus der Villa Brauner in Weißenbach zu einem neuen Ruhepol, und zugleich malte er dort zwölf Gemälde.

Betrachten wir Fotografien aus dieser Zeit, so fällt uns besonders eine aus dem Jahr 1910 ins Auge. Sie zeigt die Sommergäste Gustav Klimt und Emilie Flöge im Garten der Villa Oleander, im Hintergrund zwei Korbstühle. Auch auf einer weiteren Fotografie von 1914 finden sich die Korbstühle wieder. Bei dem Gruppenfoto handelt es sich um die Gartengesellschaft in Weißenbach am Attersee mit der weitverzweigten Familie Flöge.

Hermann Flöge, eine Unbekannte, Barbara Flöge, Therese Flöge, Gustav Klimt, Hermine Flöge, Otto Prutscher und Pauline Flöge in Weißenbach am Attersee, 1914.
© Austrian Archives / brandstaetter images / picturedesk.com

Emilie und Hermann Flöges Schwester Helene heiratete 1891 Gustav Klimts jüngeren Bruder Ernst. Nach seinem frühen Tod übernahm Gustav Klimt die Vormundschaft für dessen Tochter Helene, auch „Lentschi“ genannt. Als seiner Erbin und auch als Erbin Emilie Flöges wurden Helene Klimt, verheiratete Donner, die Korbstühle übertragen, die wohl aus dem Familienbesitz von Emilie Flöge stammen. Als sie 1980 verstarb, wurde ihre Villa in Weißenbach am Attersee, Gmauret 7, von den Erben geräumt und verkauft – diese beiden Armlehnsessel jedoch fanden im Umzugswagen der Speditionsfirma keinen Platz mehr und wurden dem Gärtner und Hausmeister, der das Anwesen über viele Jahre hin pflegte, geschenkt. Die Sessel von der Korbfabrikation Prag-Rudniker, die stets als „Klimtsessel“ bezeichnet wurden, waren bis zum vergangenen Jahr im Gustav-Klimt-Zentrum am Attersee, dem Partner des Leopold Museums, ausgestellt.

AUKTION

Jugendstil und angewandte Kunst des 20. Jahrhunderts
11. Dezember 2023, 15 Uhr
Palais Dorotheum, Dorotheergasse 17, 1010 Wien

magda.pfabigan@dorotheum.at
Tel. +43-1-515 60-383

No Comments Yet

Comments are closed




Auktions-Höhepunkte, Rekord-Preise und spannende Kunst-Geschichten. Mit dem Dorotheum Blog sind Sie immer am Puls des Auktionsgeschehens!


Archive